Der Traum vom High-Flyer
Während die drei großen I.G.-Nachfolge-Unternehmen BAYER, HOECHST und BASF in den folgenden Jahrzehnten sowohl national wie international große Geschäfte und Profite machten, gelang es auch der IG Farben AG in Auflösung ehemaliges Vermögen wieder zu bekommen. Bis Ende der 1980er Jahre konnte man - abgesehen von einigen Protesten ehemaliger Opfer - unbehelligt vor sich hin wirtschaften. Und als man sich eigentlich schon auflösen wollte, ging plötzlich die Mauer auf. (Gemeint ist der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.)
Die Aktionäre witterten Morgenluft: Nach der deutschen Vereinigung hoffen sie nun auf Rückgabe von Immobilien und Grundstücken, die in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet worden waren.
Unsere Liquidatoren haben unser Vermögen zurückgeholt aus Honduras, Ägypten, Wien und da sollen wir kapitulieren davor, was uns die alten Stalin-Gangster weggenommen haben?
~ ein Aktionär der IG Farben AG i.L. (in Liquidation)
Über Nacht stieg der Wert der Aktie von 12 DM (Deutsche Mark) im Juni 1989 auf 31 DM im Juli 1990. Spekulanten rechneten sogar mit einem absoluten "High-Flyer", einem Kursanstieg auf bis zu 300 DM.
Als die Liegenschaftsansprüche auf dem Gebiet der ehemaligen DDR 1995 vom Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz abgelehnt werden, beginnt der Aktienkurs zu sinken.
Sprechen wir doch von Auschwitz einmal andersherum. Welcche Vermögenswerte haben wir eigentlich in Polen?"
~ ein Aktionär der IG Farben AG i.L.
Anmerkungen zur Wert-Entwicklung einer Aktie
1989: Anfang Oktober kosten die Aktien der I.G. Farben i.L. etwa 12 DM
1990: Im Juli erreichen die Aktien den Spitzenwert von 31 DM, im Oktober pendelt sich der Preis bei etwa 28 DM ein. Am 13.10. reicht die I.G. Farben beim Liegenschaftsamt Merseburg Ansprüche auf 13,5 Millionen Quadratmeter (13,5 Quadratkilometer) bebautes und 86,5 Millionen Quadratmeter (86,5 Quadratkilometer) unbebautes Land, sowie für 51 Millionen Quadratmeter (51 Quadratkilometer) Grund aus dem Fundus von Konzerngesellschaften. Das Abwicklungskapital der Gesellschaft ist in der Bilanz von 1989 mit 130 Millionen DM ausgeschrieben.
1991: Der Anspruch von DDR-Vermögen wird vom Bundesverfassungsgericht zurückgewiesen.
1993: Drei Viertel des Konzernvermögens werden ausgeschüttet, wobei einige Anteilseigner mehrere Millionen Eure Gewinne einstreichen.
1985: Der Anspruch von DDR-Vermögen wird vom Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz zurückgewiesen.
1998: Das Bundesverfassungsgericht verwirft alle Einsprüche der Liquidatoren gegen entsprechende Urteile der Verwaltungsgerichte.
2000: Laut geschäftsbericht kassierten die beiden Abwickler 1999 zusammen 600.000 Mark von der I.G. Farbe, die drei Aufsichtsratsmitglieder gemeinsam 90.000 Mark. Dasa Abwicklungskpaital geht um 3,5 Millionen DM zurück.
2003: Es wird Zahlungsunfähigkeit erklärt und Insolvenz angemeldet. Kritische Aktionäre fordern, das Restvermögen für Zwangsarbeiter zu sichern. Zuletzt richtete das Unternehmen eine Stiftung zur Entschädigung früherer NS-Zwangsarbeiter mit einem Grundkapital von 500.000 Mark (knapp 258.000 Euro) ein; nach Angaben der Liquidator wurden noch keine Mittel ausgezahlt. Die Stiftung ist von der Insolvenz nicht betroffen und ihr wurde das "wertvolle Archiv" übertragen. Nach der Insolvenzwarnung verlor die Aktie 23 Prozent ihres Wertes.