Von Werk zu Werk
In den fünf Jahren nach dem Benzinpakt (vom 15. September 1933) beschleunigte sich der Abstieg der I.G. Farben auf das Niveau der Nazi-Moral (Nationalsozialisten). Alle jüdischen Direktoren und leitenden Angestellten - darunter auch der Nobelpreisträger Fritz Haber (1868-1934) - wurden entfernt.
Die verbleibenden "arischen" Repräsentanten traten der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) bei oder schlossen sich der SS (Schutzstaffel) an. Die Nazi-Ideologie wurde zur Grundlage der I.G.-Geschäftspolitik. Und dennoch befand sich die I.G. erst am Anfang ihres Abstiegs.
Während ein Land nach dem anderen unter Adolf Hitlers Terrorherrschaft zusammenbrach, verstärkte sich die Bindung der I.G. an die Nazis. Denn jede Eroberung bildete das Sprungbrett für weitere Eroberungen, um im Schatten der Wehrmacht in den besetzten Ländern einzuziehen - "wie der Schakal hinter dem Löwen" - und sich ein Unternehmen nach dem anderen anzueignen. Nicht zuletzt dadurch stiegen die Umsätze der I.G. in den Jahren des zweiten Weltkrieges gewaltig an und überschritten 1943 die 3 Milliarden-Reichsmark-Grenze - eine Steigerung von rund 55 Prozent in vier Jahren.
Einen passenderen Titel als Von Werk zu Werk für ihre Mitarbeiter-Zeitung hätte sich die I.G. kaum geben können. Sie profitierte wie kein zweites Unternehmen vom Eroberungskrieg. Schon wenige Tage nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich (am 12. März 1938) war die I.G. zur Stelle. Sie übergab den Besatzungsbeamten der Nazis ein Memorandum zur Neuordnung der Chemie-Industrie Österreichs - und bekam die Skoda-Werke. Es folgten Inbesitznahme von Firmen in der Tschechoslowakei, in Polen, in Frankreich ...
[Das] große Ziel wird sein, über den großdeutschen Raum hinaus [...] den Schritt zur "Großraumplanung" zu tun [...]. Auch für das Gebiet der Chemiewirtschaft [müssen] die notwendigen Folgerungen gezogen werden. Sie lauten im großen: Schaffung eines einheitlichen Großwirtschaftsblocks der drei europäischen Antikomintern-Partner (nationalsozialistische Propagandaorganisation), zu denen bald Jugoslawien und Bulgarien hinzutreten müssen. [...] Der Block muß seinen Einfluß ausdehnen auf Rumänien, Türkei und Iran.
~ Vorstandsmitglied Dr. Carl Krauch (1887-1968) am 28. April 1939
Im August 1939 brach der Krieg aus. Für ein Unternehmen wie die I.G. bedeutete der Krieg den härtesten Schlag, der es treffen konnte. Wieder waren, wie 1914, alle im Ausland befindlichen Werte gefährdet, wieder sollte die in 20 Jahren Aufbauzeit geschaffene Weltverkaufsorganisation aufs Spiel gesetzt werden. Gleichwohl hat die I.G. für ihr um seine Existenz ringendes Land ihre selbstverständliche Pflicht bis zum bitteren Ende getan."
~ Vorstandsmitglied Fritz ter Meer (1884-1964), im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess u.a. wegen Raub und Plünderung verurteilt, in seinen Memoiren