Mit diesem Interview sollen die Hintergründe und der zeitliche Kontext der Ausstellung "IG Farben: Von Anilin bis Zwangsarbeit" aus studentischer Perspektive beleuchtet werden. Es ist eine bewegende und informative Ausstellung, die nach wie vor zum Nachdenken anregt.

Anekdoten einer Austellung

Vorstellung der Interviewpartner:

Professor Gero Frisch leitet die Arbeitsgruppe für Salz- und Mineralchemie und ist außerdem Dekan der Fakultät 2 an der TU Bergakademie Freiberg. Im Interview spricht er über seine Zeit als Student in Freiburg, studentisches Engagement in den Neunzigerjahren und seine Verbindung zur Ausstellung über die IG Farben.

Lena Bonitz arbeitet derzeit an ihrer Promotion in der Arbeitsgruppe Salz- und Mineralchemie und ist außerdem im JCF (JungesChemieForum) aktiv.

Das Interview

 

 

Gibt es ein Erlebnis aus deiner Studienzeit, an das du dich immer erinnern wirst?

Na, so ein Einzelerlebnis eigentlich nicht, aber insbesondere im Vergleich zu heute war das schon eine sehr sorglose Zeit, fand ich. Wir haben uns sehr wenig Sorgen über die Zukunft gemacht – im Gegensatz zu meinem jetzigen Leben jetzt sowieso, aber auch wenn ich das mit unseren Studierenden heute vergleiche.

Wir sprechen heute über die Wanderausstellung über die IG-Farben. Die Erstellung der ersten Version dieser Wanderausstellung über die IG-Farben fand Anfang der 90er Jahre statt, also noch vor deiner aktiven Studienzeit. Der erste Reader (inhaltliches Begleitdokument, Anm.) zur Ausstellung wurde 1994 fertiggestellt und, soweit wir nachforschen konnten, wurde die Ausstellung erstmals 1995 ausgestellt. Kannst du dich noch erinnern, wie damals die gesellschaftliche Reaktion bezüglich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus war?

Das war die Zeit, in der das so langsam anfing. Also z.B. hat die Wehrmachtausstellung für große Umbrüche gesorgt. (Die Wehrmachtsausstellung war eine historisch bedeutsame Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ widerlegte, indem sie die systematische Beteiligung der regulären deutschen Streitkräfte an den Vernichtungsverbrechen des Nationalsozialismus dokumentierte. Anm.) Zumindest in Westdeutschland hat ein wesentlicher Teil der Bevölkerung bis Mitte der 90er Jahre an die saubere Wehrmacht geglaubt. In den Jahren davor gab es unter jungen Leuten schon eine Stimmung, wo man gesagt hat, wir müssen darüber mal reden – insbesondere natürlich im linken politischen Spektrum. In diese Kategorie ordne ich auch die IG Farben-Ausstellung ein. Auch die GDCh (Gesellschaft Deutscher Chemiker, Anm.) empfanden viele junge Leute als extrem konservativ: Da galt man sehr schnell als „Nestbeschmutzer“, wenn man überhaupt über (schwierige Themen der Vergangenheit) gesprochen hat. Da war es schon schwierig, über Fritz Haber und seinen Beitrag zum Gaskrieg im Ersten Weltkrieg zu sprechen. Auch in der Chemie-Professorenschaft herrschte diese Stimmung: Über die IG Farben zu sprechen war nichts, wozu man unbedingt von dem Vorgesetzten oder dem Professor ermutigt wurde. Das kam damals wirklich intrinsisch aus der Studierendenschaft. Es gab unter den jüngeren Professoren und Professorinnen zwar sicherlich einzelne, die so etwas unterstützt haben. Wenn man sich mit sowas exponiert hat, hat man eigentlich seine Karriere riskiert. Auch Fachschaftsarbeit an und für sich hat nicht dazu geführt, dass man in der Professorenschaft beliebt war, oder dass diese Arbeit wertgeschätzt wurde: Im Gegenteil. Man galt eigentlich als der politische Gegner.

Krass! Das finde ich aber ziemlich hart, dass man „seine Karriere riskiert haben könnte“. Das macht dieses Engagement noch beeindruckender. Ich würde sagen, dass jetzt so ein Engagement entweder in der Fachschaft oder im JCF umgekehrt eher als was Gutes empfunden wird.

Das ist heute ganz anders als früher. Man muss dazu sagen, dass die Fachschaften aus der politischen Bewegung der 70er und 80er Jahre heraus oft viel aktivistischer und politischer waren, als sie es heute sind. Was natürlich, durchaus zu Konflikten geführt hat. Aber diese wirklich vertrauensvolle Zusammenarbeit hier in Freiberg ist schon etwas Besonderes. Das habe ich in keiner anderen Uni bisher so intensiv mitbekommen. Als ich studiert habe, hätte man Fachschaftsarbeit sicherlich nicht in den Lebenslauf geschrieben, wenn man sich in der Chemieindustrie auf einen Job beworben hat.

Es klingt auf jeden Fall ganz anders, als ich das heute empfinde. Zurück zur Ausstellung: Hast du sie in Freiburg ausgestellt gesehen?

Ich habe sie ausgestellt gesehen, da war ich allerdings schon Doktorand, das muss im Sommersemester 2004 gewesen sein.

Es gab noch einen zweiten Reader zu der Ausstellung über die IG Farben, der 2002 fertiggestellt wurde. Außerdem gab es eine zweite Version der Ausstellung, die dann – nach unserem Kenntnisstand – erstmals 2008-2009 ausgestellt wurde. Bei dieser zweiten Version handelt es sich um diejenigen 21 bedruckten Bahnen, die wir jetzt in Freiberg ausstellen. Zwischen 2008 und 1994, also zwischen der Fertigstellung der ersten und zweite Version: Hat sich da in der schon Gesellschaft etwas verändert?

In dieser Zeit hatte tatsächlich ein Umdenken stattgefunden: Es gab bei den Professorinnen und Professoren eine neue Generation, die anders dachte, und auch insgesamt hatte sich die Stimmung etwas gedreht. Die zweite Version wurde tatsächlich auch im Foyer des Chemiegebäudes Freiburg ausgestellt. Es gab zwar noch Widerstand dagegen, die Ausstellung dort zu zeigen, aber nicht mehr so wie in den 90er Jahren. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir als Fachschaft Ende der 90er Jahre einen kurzen Versuch unternommen, die Ausstellung dort im Chemie Foyer auszustellen: Das ist damals auf so großen Widerstand gestoßen, dass wir das relativ schnell aufgegeben haben.

Hast du dich als Student in der Fachschaft in der BuFaTa (Bundesfachschaftentagung, Anm.) oder dem JCF (JungesChemieForum, Anm.) engagiert?

Also in Fachschaft habe ich sehr viel gemacht, auch auf die BuFaTa war ich gefahren. Ich habe dort in der Arbeitsgruppe, die sich mit Studiengangsreformen auseinandergesetzt hat, mitgearbeitet. Das JCF war zumindest für mich und meinen Freundeskreis ein absolutes No-Go. In die GDCh eingetreten im ersten Semester ist man, wenn man entweder unpolitisch oder bei der CDU war, aber sicherlich nicht, wenn man sich irgendwie – zumindest halb – zum linken Lager gezählt hat. Mittlerweile empfinde ich die GDCh doch als sehr divers. Ich bin tatsächlich erst GDCh-Mitglied geworden, als ich in Freiberg die Professur bekommen habe. Das wäre heute sicherlich anders. Gerade mit dem Engagement, dass ihr hier im JCF habt, wäre ich heute sicherlich schon als Student der GDCh beigetreten.

Heutzutage wird die Motivation scheinbar immer geringer, sich neben dem Studium zu engagieren. Gab es in der Vergangenheit unter den Studierenden eine stärkere intrinsische Motivation, oder hat das jemand angestoßen? Gab es Unterstützung dabei, sich zu engagieren, beispielsweise von älteren Studierenden, vielleicht auch von Professoren?

Bis zum Vordiplom wurde man von der Professorenschaft eigentlich nicht wahrgenommen, mit wenigen Ausnahmen. Dieses Miteinander, dass ich aus Freiberg kenne, gab es eigentlich (an der Uni in Freiburg, Anm.) so nicht. Das ist sicherlich bisschen der Zeit geschuldet, wie wir gerade schon besprochen haben, aber auch der Größe der Uni. In Freiburg sind wir tatsächlich in der Fachschaft gelandet, weil wir gesehen haben, dass sie eine gute Arbeit machte. Das fing damit an, dass sie alte Klausuren und Skripte hatten, die jemand von der Fachschaft extra sauber mitgeschrieben hatte, und die man dann dort als Papierkopie kaufen konnte. Daher ging man ins FSR-Büro.

Da konnte man also anhand der Skriptkopien sehen, was Engagement auch praktisch für andere Leute bewirken kann.

Das war sicherlich die Hauptmotivation. Zusätzlich war diese Gruppe von typischerweise 20 bis 30 Leuten, die sich im weitesten Sinne dort engagiert hat, eine Gemeinschaft. Das Fachschaftsbüro war wochentags von 8 bis 23 Uhr besetzt. Es war direkt neben dem Eingang, man kam immer daran vorbei. Ich denke, das hat viele Leute dazu motiviert, dort mitzuarbeiten. Und das war toll für die Leute, die wirklich engagiert waren – oder die gewählte Fakultätsmitglieder waren – weil es einen großen Pool an Leuten gb, die dort einfach „rumhingen“, aber auch mit anpackten, wenn es irgendwas zu tun gab.

Wie schön! Das kann ich mit meiner Studienzeit hier in Freiberg vergleichen, weil damals das Fachschaftsbüro auch am Eingang vom alten Clemens-Winkler-Bau lag. Ich habe dort auch viele Tage und zum Teil auch Nächte verbracht, da wir dort noch gemeinsam Protokolle geschrieben haben. Es ist schade, dass das Büro durch den Umzug aktuell ausgelagert ist und nicht mehr so direkt erreichbar ist. Da kann man nur hoffen, dass der FSR trotzdem Zulauf bekommt und der Austausch bestehen bleibt, der den Studierenden ja wirklich weiterhilft.

In Freiburg ist man auch dadurch in den FSR gekommen, dass einem dort Leute aus höheren Semestern geholfen haben. Also, ich bin auf meine erste BuFaTa (Bundesfachschaftentagung, Anm.) direkt im ersten Semester mitgefahren, in einer Woche, wo wir am Samstag die erste große Klausur hatten. Es war – glaube ich – die vierte Woche meines Chemiestudiums. Da hat man mich dazu bequatscht. Ich habe gesagt: „ich kann das eigentlich nicht, weil ich Klausur habe“, und dann hieß es: „du kommst jetzt einfach mit und auf der Zugfahrt sorgen wir dafür, dass du die Klausur bestehst“. So war die Stimmung dort. Das hat natürlich zum Gemeinschaftssinn beigetragen.

Es klingt nach einer sehr schönen Zeit und schönen Erinnerungen. Schauen wir noch einmal auf die IG Farben-Ausstellung: Es wird in der historischen Fachwelt bezüglich der wissenschaftlichen Qualität und der „Unsauberkeit“ der Arbeit Kritik geäußert: Es sollen nicht so sehr schon existierende sachlich-historische Quellen als vielmehr „populistische“ Quellen verwendet worden sein. Was denkst du darüber?

Die eigentliche Leistung dieser Ausstellung ist es nicht, ein historisch möglichst präzises Bild von hoher wissenschaftlicher Qualität zu zeichnen – sondern die eigentliche Leistung war, dass das Thema überhaupt mal auf dem Tisch kam.

Man darf nicht vergessen, von wem das damals gemacht wurde: In der BuFaTa gab es keine Historiker, das waren Chemie-Studierende, die vom Fach eigentlich keine Ahnung hatten. Das muss man so ehrlich sagen. Dann gab es in diesem Dunstkreis auch den Verein „Koordination gegen Bayer Verfahren“, der entstanden ist aus einer aktivistischen Umweltorganisation, in den 80er Jahren – glaube ich. Der Verein hatte politisch durchaus fragwürdige Ansichten, ich würde ihn in die links-antideutsche Ecke einsortieren.

Insofern ist die historische Präzision sicher nicht besonders gut. Man muss aber dazu sagen, dass das, glaube ich, nie so richtig das Ziel war - die Motivation war immer eine aktivistische. Und das sehe ich zumindest im historischen Kontext positiv. Heute sind wir für diese Themen sehr viel offener und sensibilisierter, so dass diese aktivistische Komponente eigentlich nicht mehr notwendig ist, würde ich sagen. Es ist jetzt eher wichtig, dass man sich wissenschaftlich sauber mit den historischen Fakten auseinandersetzt, um sich gegen Revisionisten oder Holocaust-leugner ordentlich abzusetzen.

Man darf auch nicht vergessen, dass Quellenarbeit damals sehr viel schwieriger war. Als ich im Studium anfing, ging das gerade so los, dass man im Internet ordentliche Suchmaschinen hatte. Es war nicht so, dass wissenschaftliche Quellen in voller Breite einfach leicht verfügbar waren, insofern war Literaturarbeit sehr viel mühsamer. Das kann man den Leuten, die das erstellt haben, aber natürlich vorwerfen: Diese Mühe haben sie sich damals nicht gemacht.

Zusammenfassend: In dem Kontext, dass es Chemiestudierende waren, die ein anderes Motiv hatten und nicht den fachlichen Hintergrund, finde ich die mangelnde wissenschaftliche Präzision verständlich. Wie man es heute einordnen muss, jeder selber wissen.

Ich stimme dir zu, dass die erste Ausstellung geeignet war, einen aktivistischen Impuls zu geben. Mehr noch wird die zweite Ausstellung kritisiert: Damals hätte man sich mit den neueren Forschungen zwischen 2008/2009 und 1994 auseinandersetzen sollen. Inwiefern war der Zugang zu solchen Quellen in den Jahren 2008/2009 eingeschränkt?

Das hätte man sicher ordentlicher machen können. Zu dem Zeitpunkt war ich aus der BuFaTa raus. Ich habe mich mit der Erstellung der Ausstellung nie selber beschäftigt, deshalb kann ich da nur spekulieren, aber 2008-2009 war die Quellenarbeit nicht wesentlich schwieriger, als sie heute ist, mit Ausnahme der neuen Möglichkeiten durch KI. Ich denke, damals wurde einfach nicht so viel Zeit reingesteckt. Da ging es eher darum, die Inhalte von diesen völlig veralteten und beklebten Plakaten auf das Bannerformat zu übertragen. Bei der Gelegenheit schaute man sich ein paar Sachen noch mal an - aber man hat das inhaltlich, glaube ich, nicht substanziell überarbeitet.

In der Gesellschaft und insbesondere auf Social Media scheint sich eine gewisse „Resignation“ in Bezug auf das Thema (Zeit des Nationalsozialismus, Anm.) abzuzeichnen. In der Form: „müssen wir da immer noch drüber sprechen?“. Ich persönlich bin ganz klar der Meinung: Ja! Ganz dringend müssen wir immer weiter darüber sprechen. Gerade im Fall des Nationalsozialismus sollten wir nie aufhören, darüber zu sprechen. Und ich stimme dir zu, dass man es natürlich historisch korrekt und faktenbasiert tun sollte.

Sicher hast du recht, dass es diese Resignation gibt. Es ist aber schon ein wesentlicher Unterschied, wenn man sich heute – zumindest mit der Mehrheit der Bevölkerung – nicht mehr darum streiten muss, ob die Chemieindustrie sich überhaupt falsch verhalten hat in der Zeit. Insofern ist es heute im Vergleich zu damals weniger wichtig, das Thema überhaupt auf den Tisch zu legen; heute ist es eher wichtig, dass das wissenschaftlich sauber geschieht.

Ein gutes Schlusswort! Herzlichen Dank für das Interview.

Lena: Gero, du hast in Freiburg studiert. Wann genau war das jetzt noch mal? Und kannst du uns erzählen, was dir aus deiner Studienzeit noch besonders präsent ist?

Gero: Ich habe im Herbst 1996 mit dem Studium angefangen und war im Herbst 2006 mit der Promotion fertig. Ich war dann noch so ein weiteres Jahr bis zum Herbst 2007 dort.

Gibt es ein Erlebnis aus deiner Studienzeit, an das du dich immer erinnern wirst?

Na, so ein Einzelerlebnis eigentlich nicht, aber insbesondere im Vergleich zu heute war das schon eine sehr sorglose Zeit, fand ich. Wir haben uns sehr wenig Sorgen über die Zukunft gemacht – im Gegensatz zu meinem jetzigen Leben jetzt sowieso, aber auch wenn ich das mit unseren Studierenden heute vergleiche.