Im Zuge der Ausstellungsentwicklung begegnete “uns”, den Studierenden der Chemie in Freiberg, immer wieder die Frage: “Wie stehen wir zu der originalen Ausstellung heute?” – Diese Frage hat mehrere Facetten, die im Folgenden kurz beleuchtet werden sollen.
Die Bedeutung der Ausstellungsinhalte
Das Hauptanliegen für die Ausstellung der Plakate war und ist, über die Geschichte der IG Farben sowie ihre historische Bedeutung und Wirkung bis in die Gegenwart aufzuklären bzw. zum Nachdenken anzuregen. Die Sichtung der Plakate hat unserer Ansicht nach ergeben, dass dieses Ziel mit den verfügbaren Plakatbahnen noch immer erreicht werden kann. Die Texte geben – auch für mit dem Thema noch nicht vertraute Leser – einen guten ersten Ein- und Überblick, der hoffentlich ein Bewusstsein für diesen Teil der deutschen (Chemie-)Geschichte wecken und die Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung dazu anregen kann, sich zukünftig tiefer mit der Frage der ethisch-moralischen Verantwortung von Wissenschaft und Wirtschaft zu beschäftigen.
Die Ausstellungsinhalte im Lichte (neuerer) geschichtlicher Forschung zur IG Farben
Bereits vor der ersten BuFaTaChemie im Jahr 1990 veröffentlichte Peter Hayes, Historiker aus den Vereinigten Staaten von Amerika, sein Buch „Industry and Ideology“, das weithin als Standardwerk der historischen Forschung zur IG Farben gilt. Gleiches gilt ebenso für die Habilitationsschrift von Gottfried Plumpe („Die IG-Farbenindustrie-AG: Wirtschaft, Technik und Politik 1904 – 1945“). Diese und weitere Veröffentlichungen der geschichtlichen Forschung fehlen fast vollständig in den Quellenangaben zur IG-Farben-Ausstellung bzw. der Begleitschrift (sog. ‚Reader‘). Stattdessen häufen sich Verweise auf aktivistische Schriften jener Zeit. Wie es zu diesem Umstand kam – sei es Unwissenheit, Ignoranz oder bewusste Selektion seitens der damaligen studentischen Autorenschaft – ist aus heutiger Sicht, insbesondere da von den BuFaTaen bzw. entsprechenden Arbeitskreisen keine ausführlichen Protokolle existieren, nicht mehr nachvollziehbar.
Gleichzeitig war es im Rahmen unseres Vorhabens weder möglich noch das Ziel, eine umfangreiche Überarbeitung oder Neuerstellung der Ausstellungsinhalte vorzunehmen. Vielmehr wollen wir die verfügbaren Ausstellungsbahnen zeigen und auf entsprechende Mängel hinweisen.
Studentisches Engagement und Aktivismus
Nicht zuletzt ist es unser Anliegen, das studentische Engagement der an der damaligen Ausstellungsentwicklung beteiligten Studierenden zu würdigen, und dieses in gewisser Weise fortzuführen. Das Bestreben, Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsschaffung zu betreiben, ist unumstritten. Form und Wortwahl einiger Passagen entspringen sicherlich dem links-aktivistischem Zeitgeist des Entstehungsumfelds und genügt nicht dem Anspruch einer strikt nüchternen Darstellung historischer Fakten. Der Anteil der betreffenden Stellen ist jedoch so gering, dass dies eher zu einem historisch interessanten Begleitfakt verkommt, als die Grundaussage der Plakate zu verfälschen.