Am Anfang war Teer
Im Jahr 1856 entdeckte der englische Chemiker William Henry Perkin (1838 - 1907) mit der Anilinfarbe Mauvein den ersten synthetischen Farbstoff. In England selbst, das zur Deckung seiner Rohstoffbedürfnisse auf ein riesiges Kolonialreich zurückgreifen konnte, hatte diese Entdeckung keine besondere Wirkung. in Deutschland wurde sie jedoch zur entscheidenden Grundlage der chemischen Industrie.
Der bei der Verkokung von Kohle (für die Stahlindustrie) als Abfallprodukt anfallenden Steinkohlenteer konnte nun als Ausgangsbasis für viele wertvolle Produkte genutzt werden - die chemische Industrie war in der Lage, "aus Dreck Geld zu machen".
In einem regelrechten Fieber wurden Teerfabriken in großer Zahl gegründet. Dabei handelte es sich zumeist um Kleinstbetriebe, in denen der oder die Gründer allein oder mit einigen wenigen Arbeitern hauptsächlich ein einziges Produkt herstellten. Und häufig genug nur mit geliehenem Kapital. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass den vielen Neugründungen bald eine große Zahl von Pleiten gegenüberstand.
In einem rasanten Tempo entwickeln sich in nur 30 Jahren aus einer Vielzahl "Teer-Küchen" - oft mit eigenem "Fuhrpark" - einige wenige große komplex strukturierte und enorm kapitalkräftige Betriebe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten sechs Firmen sowohl den deutschen als auch den Weltmarkt bei Herstellung und Verkauf von synthetischen Farbstoffen - drei sehr große Unternehmen dicht gefolgt von drei kleineren: BASF (Badische Anilin- und Sodafabrik), BAYER (Bayer AG) und HOECHST (Farbwerke Hoechst AG), AGFA (Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation), CASELLA (Casella Farbwerke Mainkur) und KALLE (Chemische Fabrik Kalle & Co).