Am Anfang war Teer
Im Jahr 1856 entdeckte der englische Chemiker William Henry Perkin [1838 - 1907] mit der Anilinfarbe Mauvein den ersten synthetischen Farbstoff. In England selbst, das zur Deckung seiner Rohstoffbedürfnisse auf ein riesiges Kolonialreich zurückgreifen konnte, hatte diese Entdeckung keine besondere Wirkung. In Deutschland wurde sie jedoch zur entscheidenden Grundlage der chemischen Industrie.
Der bei der Verkokung von Kohle (für die Stahlindustrie) als Abfallprodukt anfallenden Steinkohlenteer konnte nun als Ausgangsbasis für viele wertvolle Produkte genutzt werden - die chemische Industrie war in der Lage, "aus Dreck Geld zu machen".[Borkin1979]
In einem regelrechten Fieber wurden Teerfabriken in großer Zahl gegründet. Dabei handelte es sich zumeist um Kleinstbetriebe, in denen der oder die Gründer allein oder mit einigen wenigen Arbeitern hauptsächlich ein einziges Produkt herstellten. Und häufig genug nur mit geliehenem Kapital. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass den vielen Neugründungen bald eine große Zahl von Pleiten gegenüberstand.
In einem rasanten Tempo entwickeln sich in nur 30 Jahren aus einer Vielzahl "Teer-Küchen" - oft mit eigenem "Fuhrpark" - einige wenige große komplex strukturierte und enorm kapitalkräftige Betriebe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten sechs Firmen sowohl den deutschen als auch den Weltmarkt bei Herstellung und Verkauf von synthetischen Farbstoffen - drei sehr große Unternehmen dicht gefolgt von drei kleineren: BASF [Badische Anilin- und Sodafabrik], BAYER [Bayer AG] und HOECHST [Farbwerke Hoechst AG], AGFA [Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation], CASELLA [Casella Farbwerke Mainkur] und KALLE [Chemische Fabrik Kalle & Co].
Quellen
[Borkin1979] Joseph Borkin, Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reicht, Frankfurt (Main), New York, Campus Verlag, 1979, ISBN: 3-593-34251-0, Reihe Campus, S. 10.
Stellung und Bedeutung der deutschen chemischen Industrie
Bereits 1877 erreichte der deutsche Anteil die Hälfte der Welterzeugung an Farbstoffen. In der Folgezeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden praktisch alle wichtigen Farbstoffklassen von den deutschen Teerfabriken erfunden.[Meer1953-10]
Die Produktpalette der großen Firmen umfasste inzwischen nicht nur Farbstoffe, sondern auch organische und anorganische Grundchemikalien, photographische Erzeugnisse und Pharmazeutika. Antipyrin [Schmerz- und Fiebermittel, heute erhältlich als Phenazon] und Phenacetin [Schmerz- und Fiebermittel; keine Verwendung mehr, da nierenschädigend] waren die ersten von HOECHST und BAYER auf dem Markt gebrachten Pharmazeutika, denen sich Pyramidon [Schmerz- und Fiebermittel; keine Verwendung mehr, da blutzellschädigend], Aspirin [heute noch als Schmerzmittel genutzt], Veronal [Schlaf- und Beruhigungsmittel, keine Verwendung mehr, da toxisch bei zu hoher Dosierung], Luminal [Antiepileptikum, heute erhältlich als Phenobarbital], Salvarsan [Chemotherapeutikum gegen Syphilis, heute durch Penicillin ersetzt] und Suprarenin [Sympathikomimetikum, heute erhältlich als Epinephrin] anschlossen.[Meer1953-11]
Quellen
[Meer1953-10] Fritz ter Meer, Die I.G: Farbenindustrie Aktiengesellschaft; ihre Entstehung, Entwicklung und Bedeutung, Düsseldorf, Econ-Verlag, 2. Auflage, 1953, S. 10
[Meer1953-11] s.o., S. 11
Das Wachstum der chemischen Industrie
Tabelle nach BAYER-Berichte, Heft 5, 1963, S. 84 f.
| Firma | Jahr | Anzahl der Mitarbeiter | Farbstoffprodution |
| BAYER | 1863 | 12 Arbeiter 1 kaufmännischer Angestellter 1 Lehrling | 10 kg/Tag Fuchsin |
| 1867 | 50 Mann | 90 - 230 kg/Tag Fuchsin | |
| 1874 | allein 65 Mann in der Alizarinfabrik | 3000 kg/Tag Alizarin | |
| 1877 | 136 Arbeiter | 6000 kg/Tag Alizarin | |
| 1888 | rund 1000 Arbeiter | ||
| 1913 | 320 Chemiker 60 Ingenieure 8077 Arbeiter | ||
| CASELLA | 1908 | 110 Chemiker und Techniker 2200 Arbeiter | |
| KALLE | 1904 | 62 Chemiker 75 kaufmännische Angestellte |