Den Krieg kann man noch gewinnen
Wie gut die Investitionen angelegt waren, sollte sich schon wenig später zeigen - schließlich lassen sich aus Ammoniak nicht nur Düngemittel, sondern auch Sprengstoffe herstellen ...
Im September 1914 schien der Krieg schon nach wenigen Wochen verloren. Aus dem Blitz- war ein Stellungskrieg geworden, auf den sich Deutschland in keiner Weise vorbereit hatte. Vor allem mangelte es an Salpeter, dem Grundstoff zur Munitionsherstellung. Reserven gab es nicht und die Nachschubwege nach Chile waren blockiert.
In dieser Situation erkannte der BASF-Chef Carl Bosch (1874 - 1940) die Chance zur Produktion von Schießpulver. Er war sicher, ein Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure zu finden und gab der Heeresleitung sein "Salpeterversprechen". Natürlich nicht umsonst - er forderte Abnahme- und Preisgarantien sowie ein Staatsdarlehen von 35 Millionen Mark.
Während Bosch für das Schießpulver forschte, nahm im Kriegsministerium unter Leitung von Fritz Haber (1868 - 1934) eine andere Idee Gestalt an: Warum nicht das in großen Mengen als Abfall anfallende Chlorgas und andere Gifte als Waffe zu verwenden?
Der menschliche Körper mit seinen 2 m2 Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand vorauszusehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der Technik möglich macht. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.
~ Fritz Haber (deutscher Chemiker)
Obwohl die Haager Konvention, die auch Deutschland unterzeichnet hatte, die Verwendung von Giftgasen verbot, waren die Aussichten auf einen Erfolg durch den Einsatz von Chemikalien zu verlockend, als dass man sich von der Konvention hätte zurückhalten lassen.
Allein die Tatsache, dass Giftgase verboten waren, sicherte Deutschland ein Überraschungsmoment.
Das Scheitern des Schlieffen-Planes und seine Folgen
Vier Wochen, von seinem Beginn bis etwa Ende August 1914, verlief der I. Weltkrieg für den deutschen Generalstab genau nach dem Plan, der vom 1913 gestorbenen Generalfeldmarschall Alfred von Schlieffen (1833-1913) entworfen worden war. Unter Verletzung der belgischen Neutralität waren deutsche Armeen von Norden her nach Frankreich eingefallen, und gleichzeitig erfolgte ein zweiter Angriff im Südosten. Der Sieg über Frankreich schien nur noch eine Frage der Zeit, und auf Drängen von Banken und Industrie erstellte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) bereits die Pläne für eine Neugliederung des europäischen Kontinents zugunsten des deutschen Reiches. Als dann jedoch die angreifenden deutschen Armeen zu schnell voranpreschten, nutzten die Franzosen ihre letzte Chance, stießen in die sich auftuende Lücke und erzwangen so die erste große Stellungsschlacht an der Marne (5. bis 12. September 1914). Damit war der Plan der deutschen Armeeführung gescheitert, und der I. Weltkrieg wurde zum Stellungskrieg.
Mit dem Scheitern des Schlieffenplanes offenbarte sich sofort die ganze Kurzsichtigkeit der deutschen Generalität, die so sehr vom Erfolg ihrer Strategie überzeugt war, dass sie es völlig versäumt hatte, sich auf einen länger andauernden Krieg vorzubereiten. Die Generäle hatten vor allem nicht berücksichtigt, dass Deutschland bei praktisch allen wichtigen Rohstoffen auf Importe angewiesen war und zumeist keine nennenswerten Vorräte besaß. Insbesondere mangelte es an Salpeter, dem entscheidenden Grundstoff zur Munitionsherstellung, da das Reich durch die englische Blockade von den Lieferungen aus Chile völlig abgeschnitten war. Schon im September 1914 nahm der Munitionsmangel so deutliche Formen an, dass es beinahe so aussah, dass das Deutsche Reich den mit so weit gestreckten Zielen begonnenen Krieg spätestens Anfang 1915 würde abbrechen müssen.
Industrie und Kapital retten den Krieg - Bosch und die BASF liefern das Schießpulver
An dieser Stelle trat die deutsche Industrie auf den Plan, zunächst in Gestalt Walther von Rathenaus (1867-1922), des Vorstandsvorsitzenden der AEG (Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, Auflösung 1996). Schon eine Woche nach Kriegsbeginn wurde er beim Chef der obersten Heeresleitung General Erich von Falkenhayn (1861-1922) vorstellig, um diesen auf die Gefahr des allgemeinen Rohstoffmangels hinzuweisen, der Deutschland und die deutsche Industrie im Falle eines länger andauernden Krieges unausweichlich bedrohen musste. Rathenau beließ es jedoch nicht bei der Warnung, sondern schlug auch ein System von Kontrollen zur Rationierung und Verteilung strategisch wichtiger Rohstoffe vor (wobei in die Verteilung auch die Vorräte des gerade erst überrannten Belgien einbezogen wurden). Falkenhayn begriff sehr schnell, was ihm vorgetragen wurde, und nur drei Tage später (am 13. August 1914) wurde innerhalb des Kriegsministeriums die Kriegsrohstoffabteilung (KRA) - natürlich unter der Leitung von Rathenau - begründet.
Auch die chemische Industrie blieb nicht untätig. Direkt nach der Marneschlacht im September 1914 kam es in Berlin zu einem Treffen zwischen BASF-Chef Carl Bosch (1874-1940) auf der einen und hochrangigen Vertretern des Militärs auf der anderen Seite. Im Verlauf dieses Gesprächs war Bosch zwar schockiert von der Unwissenheit der Generäle über die Grundlagen der Sprengstoffherstellung, gleichzeitig sah er aber auch die Möglichkeit, der kriegs- und blockadebedingt brachliegenden Chemieindustrie über die Schießpulverproduktion für den Krieg wieder zu gefüllten Auftragsbüchern zu verhelfen. Einzige Bedingung dafür: es musste ein großtechnisches Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak gefunden werden. Bosch hielt dies für ein lösbares Problem und gab daraufhin der obersten Heeresleitung das später so genannte
"Salpeterversprechen". Natürlich war dieses Angebot nicht umsonst - Bosch forderte die Entlassung des gesamten Oppauer Personals aus der Armee, Abnahme- und Preisgarantien für die produzierte Salpetersäure und ein Staatsdarlehen von 35 Millionen Mark. In Anbetracht der Lage blieb dem Reich letztlich nichts anderes übrig, als diese Bedingungen anzunehmen. Bosch kehrte nach Oppau zurück und begann mit einem Großeinsatz zur Ankurbelung des neuen Projekts. Dieses Unternehmen kann als Prototyp des "Manhattan Project" angesehen werden: eine uneingeschränkte Kooperation von Staat und Industrie, um ohne Rücksicht auf Kosten und Materialaufwand ein spezielles Rüstungsproblem zu lösen, von dem der Ausgang eines Krieges abhängen kann.[Borkin1979-20]
Als im Mai 1915 die erste Salpetersäureanlage in Oppau ihre Produktion aufnahm, (zu diesem Zeitpunkt waren alle anderen Salpetervorräte in Deutschland, ob im Reich selbst zusammengesucht oder in den besetzten Ländern geplündert, so gut wie aufgebraucht), war für die Militärs der Fortbestand des Krieges gesichert. Schon bald reichte jedoch die Kapazität der Oppauer Anlagen nicht aus - zu gewaltig war der Munitionsverbrauch in den mörderischen Stellungsschlachten. Die Reichsregierung verlangte zunächst aus Preis- und Zeitgründen einen Ausbau der vorhandenen Kapazitäten, doch das war nicht im Sinne von Carl Bosch. Eine günstigere Gelegenheit für die BASF, billig zu einer völlig neuen Fabrik zu gelangen, schien kaum vorstellbar.
In Kooperation mit dem Sektionschef für chemische Fragen im Kriegsministerium (ein Reserveleutnant namens Hermann Schmitz [1881-1960], der mit dieser Zusammenarbeit den Grundstein für seine glänzende Zukunft in den Führungsetagen der Chemieindustrie gelegt hatte...) setzte Bosch durch, dass ein neues Ammoniak und Salpeterwerk im mitteldeutschen Leuna errichtet werden sollte. Da eine frühzeitige Fertigstellung und eine größtmögliche Kapazität der Anlagen im allergrößten Interesse des Heeres lagen, erwies sich Leuna für die BASF als eine wahre Goldgrube. Zu Reichskrediten in Höhe von insgesamt 432 Millionen Mark (die schließlich im Hyperinflationsjahr 1923 zurückgezahlt wurden) kamen ein Genehmigungsverfahren unter Militärrecht und ein Enteignungsverfahren, mit denen den Bauern in und um Leuna, die in den Schützengräben von West- und Ostfront auch ihren Besitz zu verteidigen glaubten, ihr Land für ein Fünftel des tatsächlichen Wertes entrissen wurde: "Da ein großer Teil der Besitzer sich zur Zeit im Feld befindet, ist auf normalem Wege der Ankauf erst in Wochen und Monaten zum Abschluss zu bringen. Das Kriegsministerium könnte uns in der Weise unterstützen, dass es die Enteignung einleitet auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes."[Seifert1961] Der
finanzielle Erfolg der BASF war hoch genug, um während des gesamten Krieges eine 25%ige Gewinnausschüttung an die Anteilseigner zu rechtfertigen.[Borkin1979-25]
Quellen
[Borkin1979-20] Joseph Borkin, Die unheilige Allianz der I.G. Farben; eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich, Frankfurt/Main, New York, Campus Verlag, 1979, Band 1030, ISBN: 3-593-34251-0, Reihe Campus, S. 20f.
[Borkin1979-25] s.o., S. 25f.
[Seifert1961] Walter Seifert, Kämpfendes Leuna, Verlag Tribüne, Berlin, 1961, S. 44.