Brief Humboldt an Werner

An Abraham Gottlob Werner vom 13.12.1790

Wohlgeborener Herr,
Hochzuverehrender Herr Inspektor,

Ew.* Wohlgeboren werden gütigst verzeihen, daß ich ohne das Glück zu haben, von Ihnen genauer gekannt zu sein, mir die Freiheit nehme, an Sie zu schreiben, und Sie gar mit einer Anfrage zu belästigen. Der Zweck. den ich beeabsichtige, der heiße Wunsch, unter Ihrer Leitung an Kenntnissen und Bildung zuzunehmen, wird mich gewiß in Ihrem Herzen rechtfertigen.

Es sind nun fast 2 Jahre, seitdem ich mich mit der Mineralogie beschäftige. Mein Aufenthalt in Göttingen, meine botanischen Erkundungen in deutschen Gebirgen, meine angenehme, aber viel zu schnelle Reise nach dem Peak von Derbyshire (in Begleitung Ihres Freundes, George Forsters) – weckten meinen Eifer für dies Studium immer mehr. Ich las, so viel es mir meine Muse erlaubte, mineral[ogische] Schriften, war, so viel ich konnte, auf Naturgegenstände aufmerksam, und kam immer mehr zu dem Bewußtsein, daß ich bis auf diesen Augenblik vielerlei, aber wenig zusammenhängendes und gründliches gelernt hätte. Die heiße Begierde nach Freiberg zu gehen, und Ihr Schüler zu werden, lag schon lange in mir, aber äußere Verhältnisse machten es mir bisher unmöglich. Jetzt sind diese Schwierigkeiten gehoben, da ich aber wegen des juristisch-cameralistischen Kursus schon 2 Universitäten und wegen merkantilischer Kenntnisse das hiesige Handelsinstitut besucht habe, so bleibt mir nur noch en halbes Jahr (der Sommer 1791) zu meiner Vorbereitung zu meinem bürgerlichen Amte übrig. Ich sehe leider! nur zu gut ein, wie wenig 6 Monathe hinreichend sind, um alle die Ideen einzusammeln, die einem Bergmann nothwendig sind. Aber ich will doch lieber mich mit wenigem begnügen, als das Glük ganz einzubüßen, des vortreflichen Unterrichts von Ew. Wohlgeborenen zu genießen. Ich hoffe, da es mir an gutem Willen nicht fehlt, mit männlichem Eifer zu arbeiten und auch in 6 Monathen viel, recht vieles zu lernen.

Ich verlasse das hiesige Handelsinstitut auf Ostern und könnte wenige Wochen darauf, mich in Freiberg einfinden. Ich bin so frei, dennoch bei Ew. Wohlgeboren anzufragen, ob ich Ihnen auf ein halbes Jahr willkommen sein werde, und ob ich mit einem Bedienten in dem Gebäude der Bergakademie eine Wohnung erhalten darf oder dieselbe mir in der Stadt bestellen muß.
Sie würden mich innigst verbinden, wenn Sich mich bald mit ein Paar Zeilen Antwort beehren wollten. Ich würde den Oberbergrath Rosenstiel oder Assessor Karsten ersucht haben, für mich an Ew. Wohlgeborenen zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß ich den kürzeren Weg wagen dürfte.
Nehmen Sie indeß die Versicherung meiner größten Verehrung und Hochachtung, mit welcher ich ewig sein werde,

Ew. Wohlgeborenen
gehorsamst 
A. von Humboldt

aus Berlin

Hamburger Handelsakademie,
den 13. Dez. 1790

Meine Adresse ist: An H. v. Humboldt, in Hamburg, abzugeben beim Professor Büsch.

 *Anmerkung: Ew. ... Euer

Quelle und Original: Faksimile des Briefes Alexander von Humboldts an Abraham Gottlob Werner vom 13.12.1790; das Dokument ist Teil des Nachlasses Abraham Gottlob Werners (XIX, 80, Bd. 2) und des Wissenschaftlichen Altbestandes der Freiberger Universitätsbibliothek