Die Sammlung der Bergmännischen Specimina

Bergmännische Specimina gehören zu den bedeutendsten montanhistorischen Sammlungen im Bestand der UB Freiberg. Der Begriff Specimen kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Kennzeichen, Probe oder Beispiel. Heute würde man sie als Examensarbeiten bezeichnen. Ihrer Form und Entstehungszeit nach handelt es sich um neuzeitliche Buchhandschriften im Folio-Format. Sie umfassen durchschnittlich 30 Textblätter, die halbseitig beschrieben sind und mit zahlreichen Handzeichnungen oder großformatigen Risse das europäische Montanwesen des 18. und 19. Jahrhunderts dokumentieren. Über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren (1770 bis 1868, und 1907/10) entstanden weit mehr als 3.000 Arbeiten, von denen heute noch 2.950 erhalten sind. Sie beschreiben die vorgefundenen unter- bzw. übertägigen Situationen einzelner Berggebäude (Grubenanlagen), dokumentieren den damaligen Entwicklungsstand der Montanindustrie verschiedener europäischer Regionen und sie sind Zeugnisse des wachsenden, wechselseitigen Technologietransfers mit ausländischen Bergbaugebieten (z. B. Thüringen, Preußen, Harz, Österreich, Böhmen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen, England, Italien, Rumänien, Jugoslawien, Norwegen, Schweden u. a.).

Handschrift Skizze FörderanlageVerfasst wurden die Arbeiten von Studenten, Angehörigen des Lehrkörpers der Bergakademie und von Beamten der sächsischen Berg- und Hüttenbehörden. Beauftragt wurde die Anfertigung solcher Specimina von der Bergakademie, dem Oberbergamt oder dem Oberhüttenamt. Sie entwickelten sich im Laufe der Zeit einerseits zu einem wesentlichen Instrument der Wissensvermittlung, andererseits sind sie hilfreiche Zuarbeiten für den Lehrkörper bzw. das Oberbergamt. Ab 1775 legte Abraham Gottlob Werner feste Regularien für die Anfertigung dieser Arbeiten vor. Das Leibniz‘sche Prinzip der Verbindung von Theorie und Praxis, von Lehre und Forschung war im ausgehenden 18. Jahrhundert ein wesentliches Merkmal der Formierung von technischen Wissenschaften mit einer anwendungsbezogenen Ausrichtung. Die gezielte, praxisorientierte Anfertigung bergmännischer Belegarbeiten nach den Werner‘schen Vorgaben blieb bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil der Ausbildung an der Bergakademie.

Gegenwärtig besitzen diese unikalen Zeugnisse besondere Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte und für die Erforschung der historischen Entwicklung des Montanwesens. In den Berichten über Besuche und Arbeiten in Hüttenwerken bzw. Aufbereitungsanlagen, den Niederschriften der Ergebnisse von Grubenbefahrungen sowie in den praktischen Gelände-Kartierungen spiegelt sich die Entstehungsgeschichte der wichtigsten Zentren des europäischen Montanwesens und in Übersee wider. Diese wichtigen Zeitdokumente standen bis 2019 nur einem engbegrenzten Nutzerkreis zur Verfügung. Mit der digitalen Transformation der Arbeiten wird nun aus kaum nutzbarem Kulturgut eine moderne Informationsressource, die man zudem relativ leicht bearbeiten kann. Heruntergeladene Dokumente können z. B. mit eigenen, recherchierbaren Notizen versehen werden, die Bestandteil der jeweiligen Dokumentendatei bleiben. Im Bedarfsfall sind damit ausgewählte Quellen (Zitate) schnell auffindbar oder können bequem mit anderen Wissenschaftlern ausgetauscht werden.

Literatur:
Rüthrich, Axel: Charakterisierung der bergmännischen Specimina, Freiberg: TU Bergakadmeie Freiberg, Institut für Wissenschaft und Technikgeschichte, 2009. - Diplomarbeit