Zwischen Technik, Wirtschaft & Kultur - Lehre und Forschung am IWTG: 3 Fragen an Prof. Albrecht

Prof. Helmuth Albrecht im Porträt
Vor 25 Jahren (01.04.1997) wurde Prof. Helmuth Albrecht auf den Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie berufen und übernahm die Leitung des Instituts für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte (IWTG). Seither hat sich viel getan in Lehre und Forschung.

Was sind die Aufgaben des IWTG in Forschung und Lehre und wie haben sich diese in 25 Jahren verändert? Was waren Ihre persönlichen Meilensteine?

Dem IWTG oblag seit 1992 die Organisation des Studium generale sowie die Leitung des Historicums (Universitätsmuseum) und der Kustodie (Sammlungen) an der Bergakademie. 2001 entstand dann in Kooperation mit der Fakultät für Werkstoffwissenschaften der gemeinsame Diplomstudiengang Archäometrie/Industriearchäologie als erster historisch-orientierter Studiengang an der Bergakademie. Daraus ging später der Diplomstudiengang Industriearchäologie hervor, der im Rahmen des Bolognaprozesses schließlich in den heutigen Bachelor Industriearchäologie sowie in den Master Industriekultur aufgeteilt wurde.

In der Forschung erweiterte sich das Profil des IWTG von der Geschichte der Montan- und Geowissenschaften, der Geschichte der Bergakademie und der Erforschung technischer Denkmale auf neue Fachgebiete wie die historische Innovationsforschung, die Umweltgeschichte, die Sammlungsgeschichte sowie auf Industrielles Welterbe und Industriekultur.

Wichtige Meilensteine dieser Entwicklung waren der Aufbau unserer beiden interdisziplinären und deutschlandweit einmaligen Studiengänge, die internationale Verankerung des IWTG mit der Organisation des Internationalen TICCIH-Kongresses in Freiberg im Jahre 2009 und natürlich das vom IWTG initiierte und fachlich geleitete Welterbe-Projekt Montanregion Erzgebirge/Krušnohoři ab dem Jahr 2000, das 2019 zum Welterbetitel für das Erzgebirge führte. Daneben konnten wir in der Forschung zahlreiche Drittmittel unter anderem der DFG, des BMBF, der Volkswagenstiftung und der EU einwerben.

Warum ist das Thema Industriekultur Ihrer Meinung nach gesellschaftlich so wichtig und weshalb sollten sich gerade junge Menschen heute für ein Studium der Industriearchäologie in Freiberg entscheiden?

Die Industriekultur beschäftigt sich mit allen Aspekten der Kultur des Industriezeitalters. Von England Mitte des 18. Jahrhunderts ausgehend hat die Industrialisierung den ganzen Globus erfasst und dabei unsere Gesellschaft sowie unsere Umwelt radikal verändert. Wenn man die heutigen Probleme und Herausforderungen der modernen Industriegesellschaft verstehen will, muss man sich mit der historischen Entwicklung ihrer Teilaspekte und treibenden Kräfte im wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich wissenschaftlich beschäftigen, um auf Basis dieser Analyse die Zukunft besser und sinnvoller gestalten zu können. Eine spannendere und wichtigere Aufgabe kann es kaum geben. Das Studium der Industriearchäologie bietet für diese Aufgabe einen wichtigen interdisziplinären Zugang und schafft zugleich ein Bindeglied zu den anderen an der Bergakademie vertretenen Disziplinen in den Bereichen Technik, Naturwissenschaften, Ökologie und Wirtschaftswissenschaften.

Was sind die Herausforderungen und Ziele des IWTG für die Zukunft?

Seit Jahren ist eine der größten Herausforderungen für uns die Werbung von Studierenden, die bereit sind, ein derart interdisziplinäres Studium anzutreten. In jedem Abiturjahrgang sind das nur wenige, obwohl unsere Absolventinnen und Absolventen keine Probleme haben, nach ihrem Studium Arbeitsstellen zu finden. Dafür müssen wir deutschlandweit und international werben und brauchen als kleines Institut mit einem Orchideenfach im MINT-geprägten Profil der Universität mehr Unterstützung als vielleicht größere Fachbereiche. Hier müssen wir dranbleiben und unser Standing an der Universität sowie in der Öffentlichkeit weiter stärken.

Wichtige weitere, bereits begonnene Aufgaben und Ziele für die Zukunft sind die bereits beschlossene Neuausschreibung meiner Professur für die Zeit nach meiner Pensionierung im Jahre 2024 sowie die Internationalisierung unseres Studienangebotes. Hier läuft bereits ein Kooperationsprojekt mit der spanischen Universidad Camilo José Cela in Madrid für ein gemeinsames englischsprachiges Masterprogramm unter dem Arbeitstitel „Development of Historical Landscapes“.

Festveranstaltung gibt Einblicke in 25 Jahre IWTG-Geschichte

Prof. Albrecht gibt im Rahmen eines Festkolloquiums am 9. April einen Einblick in das Vierteljahrhundert Institutsgeschichte des IWTG. Das Kolloquium kann per Livestream mitverfolgt werden.