Riesiges Tausendfüßer-Fossil aus Nordengland liefert Paläontologen neue Erkenntnisse

Ein Mann neben einem an der Wand hängenden Fossil
Der Freiberger Paläontologe Prof. Jörg W. Schneider hat das Fossil der Gattung Arthropleura gemeinsam mit englischen Kollegen untersucht und eine Arbeit über den gigantischen, fast Auto großen Gliederfüßer geschrieben. Die Ergebnisse sind im Journal of the Geological Society veröffentlicht.

Das Fossil der Gattung Arthropleura wurde im Januar 2018 in einem großen Sandsteinblock entdeckt, der von einer Klippe auf den Strand von Howick Bay in Northumberland gefallen war. „Es war ein absoluter Zufallsfund“, sagt Dr. Neil Davies vom Department of Earth Sciences der Cambridge Universität, der Hauptautor der Studie. „Die Art und Weise, wie der Felsbrocken gefallen war, hatte ihn aufgebrochen und das Fossil perfekt freigelegt, das einer unserer ehemaligen Doktoranden zufällig entdeckte, als er vorbeiging.“ Im Mai 2018 wurde der Sandsteinblock mit Genehmigung von Natural England und den Landbesitzern, dem Howick Estate, geborgen und für Untersuchungen nach Cambridge gebracht.

Die Überreste lieferten neue Informationen über die Palökologie und den Lebensraum des Tieres. Der Fund stammt aus der frühen Karbonzeit vor etwa 326 Millionen Jahren. Die Untersuchung der Sedimente in der Howick Bay und Vergleiche mit Literaturdaten zeigten, dass entgegen vorherigen Rekonstruktionen der Lebensraum nicht dichte Urwälder sondern offene Waldgebiete entlang von Flüssen und in Küstennähe in der damaligen Äquatorregion der Erde waren.

Es ist erst das dritte nahezu komplette Fossil dieser Art und es ist der zweitälteste Nachweis, noch ältere Funde sind aus dem Unterkarbon von Chemnitz bekannt. Das Fossil ist etwa 75 Zentimeter lang, bestand aber ursprünglich aus mehreren gegliederten Exoskelett-Segmenten und war schätzungsweise 2,7 Meter lang und etwa 50 Kilogramm schwer. „Es ist damit der größte Gliederfüßer der jemals auf der Erde lebte und ähnelt entfernt modernen Tausendfüßern, obwohl er nur zirka 36 Beinpaare hatte. Am Geologischen Institut der TU Bergakademie Freiberg befindet sich eine fast so große Lebendrekonstruktion dieses Tieres, sogar mit der zugehörigen Fährte, die wir im El Cobre Canyon von New Mexiko gefunden haben“, erklärt Prof. Schneider. Demnach ist das gefundene Fossil sogar größer als die Seeskorpione aus dem Devon, die den bisherigen Rekord unter den Arthropoden hielten.

Die enorme Größe von Arthropleura wurde bisher auf eine stark erhöhte Sauerstoffkonzentration in der Atmosphäre während des späten Karbon und des Perm zurückgeführt. Da aber das neue Fossil aus Gesteinen stammt, die vor dem Anstieg der Sauerstoffkonzentration abgelagert wurden, kann das nicht die Ursache für den Gigantismus von Arthropoden im Karbon und Perm gewesen sein. Ein Grund für den Riesenwuchs mag das Fehlen von Fressfeinden gewesen sein.

Der bisher jüngste Fund von Arthropleura stammt aus dem Versteinerten Wald von Chemnitz aus dem Rotliegend (Perm) vor ca. 292 Millionen Jahren. Danach ist dieses ca. 40 Millionen Jahre lang erfolgreiche Tier aus der fossilen Überlieferung verschwunden. Die Ursachen für das Aussterben sind ungewiss. Sie könnten auf die globale Erwärmung im Perm zurückzuführen sein, während der sich Trockensteppen über die Äquatorregion ausdehnten und ständig wasserführende Flüsse mit Uferwäldern, die Lebensräume von Arthropleura, verschwanden. Zur gleichen Zeit zeigten die Reptilien eine starke Radiation. Diese agilen Räuber könnten zu Konkurrenten und Fressfeinden von Arthropleura geworden sein.

Das Fossil wird im neuen Jahr im Sedgwick Museum in Cambridge öffentlich ausgestellt. Lebendrekonstruktionen des Giganten sind zudem im Geologischen Institut der TU Bergakademie Freiberg, im Museum für Naturkunde Chemnitz und im Naturhistorischen Museum Schleusingen zu besichtigen.

Zum Artikel:

Neil S. Davies et al. The largest arthropod in Earth history: insights from newly discovered Arthropleura remains (Serpukhovian Stainmore Formation, Northumberland, England).Journal of the Geological Society (2021). DOI: 10.1144/jgs2021-115 

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Prof. Dr. Jörg W. Schneider, E-Mail: Joerg.Schneider@geo.tu-freiberg.de