Humboldt-Nachfahre auf Podiumsdiskussion im Freiberger Theater

Georg von Humboldt-Dachroeden, ein ...
Eine Podiumsdiskussion zum Thema "Alexander von Humboldt – Wegbereiter der Nachhaltigkeit" veranstalteten das Mittelsächsische Theater und die TU Bergakademie Freiberg gemeinsam am 29. Mai 2012. Im gut gefüllten großen Saal der Freiberger Spielstätte diskutierten der Urururenkel von Wilhelm von Humboldt, Georg von Humboldt-Dachroeden, der Humboldt-Forscher Prof. Ottmar Ette aus Potsdam und der Umweltforscher Prof. Udo Simonis. Im Anschluss wurde die "Vermessung der Welt" aufgeführt.
Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714) war Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg und er gilt als Begründer des Begriffs der Nachhaltigkeit. Allgemein bekannt ist seine Empfehlung in seinem Werk "Sylvicultura oeconomica" (1713), dass nicht mehr Holz geschlagen werden solle als durch Aufforstung nachwachsen kann. Weit weniger bekannt ist der Beitrag zur Verbreitung der Nachhaltigkeit als grundsätzliche Bedingung für menschliches Handeln von Alexander von Humboldt. In einer Podiumsdiskussion an der TU Bergakademie Freiberg am 29. Mai 2012 wurde ein erfolgreicher Anfang gemacht, diese Kenntnislücke zu schließen.

In den Impulsvorträgen der beiden in ihren jeweiligen Disziplinen ausgewiesenen Professoren Ottmar Ette (Potsdam) und Udo Ernst Simonis (Berlin) und in Anwesenheit von Georg von Humboldt-Dachroeden, einem Nachfahren von Wilhelm von Humboldt, wurde verdeutlicht, dass Alexander von Humboldt der erste wissenschaftliche Globalisierer war, der seine Forschungen immer in transdisziplinären Kontexten betrieb. Professor Ette zeigte anhand von vielen Beispielen und Etappen aus den Reisen von Alexander von Humboldt, wie er die vielfältigen Phänomene der lebendigen und der toten Natur studierte und dokumentierte und wie er ständig bemüht war, seine Erkenntnisse interdisziplinär und transdisziplinär auszuwerten. Er war ein Wegbereiter der Nachhaltigkeit, indem er methodische Vorgehensweisen entwickelte, die für eine wissenschaftliche Betrachtung der Nachhaltigkeit unentbehrlich sind. Interessanterweise zeigte Professor Ette eine dynamische Weltkarte mit globalen Stoffströmen, die Alexander von Humboldt selbst gezeichnet hat. Auf dem europäischen Kontinent sind nur zwei wichtige Städte für die Stoffströme eingezeichnet, einerseits der Welthafen Cádiz und anderseits Freiberg, seine Ausbildungsstätte.

Professor Simonis zeigte auf, dass Alexander von Humboldt seine akademische Ausbildung zuerst als “Kameralist“ in Frankfurt an der Oder begann, bevor er sich in Göttingen und Freiberg den Naturwissenschaften widmete. Als junger Bergassessor im preußischen Staatsdienst in Franken erkannte er genauso wie zuvor von Carlowitz, dass Holzmangel den Bergbau in seinem Revier in seiner Entwicklung bedrohte. Als ausgewiesener Kenner der Entwicklungs- und Verbreitungsgeschichte des Nachhaltigkeitsbegriffs von den Anfängen bis in die Gegenwart konnte Professor Simonis den bedeutsamen Stellenwert von Alexander von Humboldt in dieser Entwicklung aufzeigen. Alexander von Humboldts frühe Erfahrungen mit Verstößen gegen die Nachhaltigkeit im Bergbau haben ihm offensichtlich in den weiteren Lebensabschnitten genutzt. Auf seinen Forschungsreisen studierte und beschrieb er beispielweise auch, wie menschliches Einwirken in die Vegetation und in Landschaften in Süd- und Zentralamerika zu Veränderungen der Lebensbedingungen führte. Als einer der wenigen Naturwissenschaftler seiner Zeit war er somit imstande, transkontinentale Vergleiche und Differenzen und Parallelen festzustellen.

Viele Werke Alexander von Humboldts waren in Deutschland lange Zeit nicht zugänglich, doch seit einigen Jahren hat sich diese Lage geändert. Durch die Herausgabe einiger seiner Reiseberichte in deutscher Sprache, an denen er zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr aus Amerika in Paris auf Französisch gearbeitet hatte, ist Alexander von Humboldt jetzt auf dem besten Wege, auch im Land seiner Herkunft besser erkannt und verstanden zu werden. Die Freiberger Podiumsdiskussion, die von Professor Friedrich Naumann (Chemnitz) moderiert wurde, hat dazu einen wichtigen Beitrag geliefert.

Die Frage aus dem Publikum, ob Alexander von Humboldt die "Sylvicultura oeconomica" von Carlowitz gekannt hat, musste offen bleiben. Humboldt hat aber mit ähnlichem Wortlaut die Nachhaltigkeit beschrieben: „Das einzige Brennmaterial, welches leider benutzt wird, ist Holz. Eine bessere Holzkultur hat jedoch seit kurzem begonnen oder liegt noch ganz darnieder. Einteilung in Schläge mit vorhergehender forstmäßiger Vermessung fehlt noch ganz und ein regelmäßiger sicherer Haushalt, eine Balance zwischen Nachwuchs und jährlichem Consumo ist ohne diese kaum denkbar.“ Die Zuhörerfragen nahmen auch Bezug zu wichtigen Themen unserer Zeit, wie beispielsweise Wachstum und Gerechtigkeit, Entkopplung des Rohstoffeinsatzes vom Bruttosozialprodukt oder mangelnde weltweite Verantwortung für nachhaltiges Handeln. Vor dem Hintergrund der internationalen Aktivitäten der Bergakademie im Rohstoffbereich empfahlen die Professoren Ottmar Ette und Ernst Simonis, an der TU Bergakademie Freiberg eine Alexander-von-Humboldt-Professur einzurichten. Die Diskussion soll im nächsten Jahr mit dem Thema „Alexander von Humboldt - Impulse für Nachhaltigkeit aus seinen Studien in Freiberg“ fortgesetzt werden.
Fragen beantwortet / Contact: 
Cornelia Riedel