Fast 30 Jahre für den Wissenschaftsstandort Freiberg: Prof. Bernd Meyer blickt zurück und voraus

Professor Bernd Meyer bei der Übergabe der Ruhestandsurkunde.
Der langjährige Inhaber der Professur für Energieverfahrenstechnik und thermische Abfallbehandlung EVT und Institutsdirektor wechselte zum 1. April seinen Arbeitsplatz.

Der 68-jährige wird sich künftig als geschäftsführender Direktor des Zentrums für effiziente Hochtemperatur-Stoffwandlung ZeHS dem Aufbau der sektorübergreifenden Forschung widmen und seinen Nachfolger am Institut unterstützen. Von 2008 bis 2015 war der Ingenieur der 39. Rektor der TU Bergakademie Freiberg.

In mehr als 30 Jahren Ihres Berufslebens hat sich Ihr Fachgebiet mehrfach gewandelt. Welches waren die wichtigsten Veränderungen und Trends?

Im Mittelpunkt stand immer das Wissen über die Stoffe; damit meine ich fossile Rohstoffe, Abfallstoffe und biogene kohlenstoffhaltige Energieträger. Ich wage einen Abriss im Schnelldurchlauf: Zu Beginn, in den frühen 1990er Jahren standen die Effizienz und Umweltverträglichkeit der Stromerzeugung aus Kohle, Gas und Abfällen im Vordergrund. Dann konnten die geforderten CO2-Emissionsminderungen nicht mehr durch Steigerung der Effizienz erreicht werden und die sogenannte Polygeneration von Strom und chemischer Veredlung sowie das chemische Recycling primärer und sekundärer Rohstoffe hielten Einzug in die Forschung. In den letzten Jahren hat die Kohlenstoff-Kreislaufwirtschaft den größten Raum eingenommen, und chemisches Recycling von kohlenstoffhaltigen Abfällen sowie die „grüne“ Erzeugung und Verarbeitung von Rohstoffen, wie Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe, unter Einkopplung von erneuerbarem Strom rückten in den Fokus.

Reagierte die Forschung auf diese Trends oder würden Sie sich eher als Visionär bezeichnen?

Forschung lebt von der Vorausschau. Ich würde sagen, dass es uns an der Professur gelungen ist, Innovationen mit Bewährtem so zu verbinden, dass wir den notwendigen Schritt voraus waren – zumeist jedenfalls. Es war mein Credo, für eine große Bandbreite an Rohstoffen Prozesse und Technologien zu entwickeln, die ein hohes Innovationspotenzial haben, gleich, ob sich die politischen Rahmenbedingungen oder die Anforderungen des Marktes ändern, Stichwort Kohleausstieg. An meiner Professur für Energieverfahrenstechnik und thermische Abfallbehandlung ist es uns gelungen, einen europaweit einzigartigen Technologiepark aufzubauen, dessen Anlagen für neue Ideen und Weiterentwicklungen von der Modellierung bis zur technischen Erprobung für die Wasserstoffwirtschaft und Kohlenstoff-Kreislaufwirtschaft genutzt werden können. Die älteste, 2003 errichtete großtechnische Versuchsanlage zur Hochdruck-Partialoxidation HP-POX wird bald 20 Jahre alt und ist für die Forschung immer noch top aktuell! In der Forschung, aber auch für den Betrieb der großen Pilotanlagen konnte ich auf ein exzellentes Team von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Laboranten und Technikern zählen.

Und was hat Sie dazu bewogen, in der Energieverfahrenstechnik am Ball zu bleiben?

Nun, ich finde, es ist eines der spannendsten und wandlungsfähigsten Ingenieurgebiete, denn gekoppelte Energie- und Stoffwandlungsprozesse spielen in nahezu allen Wirtschaftszweigen, wie der Chemie, der Energie, der Metallurgie, der Abfallwirtschaft oder der Mobilität eine zentrale Rolle. Und ich hatte das Glück, immer weiter in diesem Bereich arbeiten zu können und mein Wissen zu erweitern. Besonders angetan hat es mir die thermochemische Stoffwandlung durch Pyrolyse und Vergasung. Ich bin überzeugt, wenn einen einmal die Begeisterung für ein Thema erfasst hat, wirkt die diese wie ein Magnet und entwickelt eine gewisse Eigendynamik. Schließlich ist die Expertise auch international gefragt.

Mit welchen drei Schlagworten würden Sie Ihr Arbeitsleben am Institut beschreiben?

Fördern, fordern und gestalten.

Welche Skills brauchen gute Ingenieure und Ingenieurinnen?

Basis ist das im Studium vermittelte Fachwissen, die sogenannten hard facts. Zur Semestereröffnung 2009 habe ich den Erstsemesterstudierenden den Semester-Widmungsspruch „Ich will, wie ich kann“ zugerufen. Er hat etwas mit dem freien Willen zur Entscheidung zu tun. „Mancher Student könnte mehr, wenn er nur wollte“. Die persönlichen Gaben und Fähigkeiten werden oft nicht annähernd ausgeschöpft. Alexander von Humboldt, der berühmteste Freiberger Student, schrieb als 30-jähriger an seinen Freiberger Freund und Studienkollegen Carl von Freiesleben (1799): “Der Mensch muss das Gute und Große wollen! Das Übrige hängt vom Schicksal ab.” Er wusste, dass das Wichtigere die Motivation ist, das Können voll einzusetzen. Für Studierende und Absolvierende in den Ingenieurwissenschaften wünsche ich mir, dass sie mit großer Neugier Mathematik, Natur-, Ingenieur-, Umwelt- und Wirtschaftswissenschaften studieren, um die technischen Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Dabei werden sie herausfinden, wo ihre Begeisterung liegt, damit der Beruf ein Leben lang Freude macht und sie mit Begeisterung ihre Talente für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft einsetzen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Lehrender?

Es gibt viele schöne Erlebnisse. Begeistert war ich immer, wenn Studierende nach einem Auslandssemester ihre Studien- oder Diplomarbeit verteidigten. Dann sah ich gereifte Persönlichkeiten vor mir, die einen Entwicklungssprung gemacht hatten. Und ich wusste, die internationale Erfahrung wird ihnen ein Schatz für das ganze Leben sein. Auch unzählige Diskussionen und Reibungspunkte mit Studierenden, Doktoranden und Habilitanden gehören dazu. Ich empfinde es motivierend und auch fordernd, Talente zu erkennen und zu entwickeln.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Doktorvater?

Das Schönste ist, wenn ich erlebe, dass Doktoranden – bei mir werden es bald über 50 sein – den Durchbruch Ihrer Arbeit erzielt haben, wenn Sie an dem Punkt sind, dass die Ergebnisse aus Experimenten, Modellen oder Analysen, auf die sie mit größtem persönlichen Einsatz hingearbeitet haben, klare Konturen annehmen. Aber auch über die zurückgelegte persönliche Entwicklung freue ich mich und bin immer wieder stolz, wenn mit dieser und ihrer Fachkompetenz eine tolle Verteidigung „hinlegen“ und einen begehrten Job in der Industrie ergattern oder externe Kooperationspartner überzeugen.

Haben Sie einen Rat an den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Der leichteste Weg ist selten der richtige! Besser ist, Herausforderungen zu suchen und niemals aufzugeben, auch wenn es einmal nicht klappt. Mein Rat an wissenschaftliche Nachwuchskräfte: Sich ausprobieren und, wo immer möglich, mit eigenen Ideen in ein Team einbringen, aktiv sein und von ganz unterschiedlichen Kompetenzen lernen.

Auf welche Ereignisse aus Ihrer Zeit als Rektor der TU Bergakademie Freiberg (2008 bis 2015) blicken Sie gern zurück?

Ich blicke gern auf meine Zeit als Rektor zurück, möchte aber zuerst betonen, dass alles, was erreicht wurde, eine Teamleistung von Rektorat und Verwaltung, von Professoren und Mitarbeitern ist, wofür ich heute noch dankbar bin. Mein persönlich wichtigstes Anliegen war die Profilierung der TU Bergakademie Freiberg als moderne, zukunftgerichtete Ressourcenuniversität. Dazu zählte die Etablierung der Marke „Die Ressourcenuniversität. Seit 1765.“ mit den drei zentralen Werten „Nachhaltigkeit, Ausstrahlung und Innovation“. Wir konnten unsere Hochschule in der deutschen und internationalen Hochschullandschaft als nationale Ressourcenuniversität etablieren. Greifbare Erfolge waren 2011 die Ansiedelung des Helmholtz-Instituts für Ressourcentechnologien HIF als erste Großforschungseinrichtung nach der Wiedervereinigung in Freiberg, 2014 die Ansiedelung des von der EU geförderten EIT Raw Materials als größtes Konsortium für Rohstoffe weltweit und 2014 die Einwerbung des Forschungsbaus „Zentrum für effiziente Hochtemperaturstoffwandlung“ ZeHS. Auch die Krüger-Stiftung hat in meiner Zeit starke Impulse für die Forschung und Anwendung gegeben.

Nicht vergessen will ich die Gründung des Weltforums der Ressourcenuniversitäten für Nachhaltigkeit (WFRUFS) 2012 mit dem daraus entstandenen UNESCO-Zentrum der Bergbauuniversität St. Petersburg. Deren Außenstelle für Bergbauausbildung nimmt in diesem Jahr an der Professur für Bergbau-Tagebau ihre Arbeit auf.

Wichtig war mir auch die internationale Wissenschaftspartnerschaft mit Russland sowie zuanderen Ländern, wie Vietnam, Chile oder Mosambique. Mit finanzieller Unterstützung der St. Petersburger Berbauuniversität und der Engel-Stiftung wurde 2014 beispielsweise das Lomonossow-Haus eingeweiht.

Schließlich hat mich die große Geschichte unserer Hochschule als älteste technische höhere Bildungseinrichtung im deutschsprachigen Raum im Vorfeld der 250-Jahrfeier im Jahr 2015 inspiriert. Als bleibende Zeugnisse sind mir die Jubiläums-Publikationen, die Gelehrtenmeile im Stadtpark, die mit dem Verein der Freunde und Förderer gestaltet wurde, aber auch das von unserer Technikgeschichte zeugende Historikum und der Zeitstrahl im Hauptgebäude in Erinnerung. Es war mir eine große Ehre und Verpflichtung, dass es mir vergönnt war, unserer TU Bergakademie Freiberg zusammen mit allen Bergakademisten, Freunden und Unterstützern an vorderster Stelle dienen zu dürfen.

Welche Rolle spielte die Gründung der DBI-Virtuhcon GmbH, An-Institut der TU Bergakademie Freiberg, dessen Geschäftsführer Sie sind, für die praxisorientierte Forschung an der Universität?

Eine Verpflichtung in dem vom Forschungsministerium BMBF bestätigten Strategiekonzepts des Zentrums für Innovationskompetenz ZIK Virtuhcon bestand darin, zu dessen Verstetigung ein start-up auszugründen. Obwohl ich anfänglich sehr skeptisch war und mich nicht zum Unternehmer berufen fühlte, gründete ich mit weiteren fünf Abteilungsleitern meiner Professur im Jahre 2014 die DBI-Virtucon GmbH. Sie hat sich zum wichtigsten Drittmittelpartner für die anwendungsorientierte Forschung und Dienstleistungen entwickelt. Unsere Motivation ist es, Forschungsaufträge aus dem In- und Ausland zu akquirieren, mit denen wir unsere hochqualifizierten wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter an der Professur halten können. Ohne die DBI-VirtuconGmbH wäre es uns 2017 auch nicht möglich gewesen, den früheren Vergasungstechnologie-Standort von SIEMENS im Deutschen Brennstoffinstitut auf der Halsbrücker Straße zu übernehmen und damit die in Freiberg entwickelte, international renommierte GSP-Vergasungstechnologie zu retten. Mittlerweile bin ich ein bekennender Hochschullehrer-Unternehmer und die an der DBI-Virtucon GmbHbeteiligten Mitarbeiter sind überzeugte Mitarbeiter-Unternehmer.

Zu einer Erfolgsgeschichte gehören auch Rückschläge – würden Sie auch eine Herausforderung mit uns teilen?

Wo mit jedem Experiment, jedem Forschungsantrag auch unbekanntes Terrain betreten wird, gehören Rückschläge dazu. Schlaflose Nächte hatte ich zum Beispiel, als ein sehr großes Forschungsprojekt, welches wir mit einem großen deutschen Engineering-Unternehmen auf der Fachebene lange vorbereitet hatten, einen Tag vor der geplanten Unterschrift vom Zentralvorstand des Unternehmens „eingestampft“ wurde. Der Grund waren schlechte Quartalszahlen. Die unterschriftsreifen Arbeitsverträge der Mitarbeitenden der Professur waren hinfällig. Sozusagen über Nacht musste eine Lösung gefunden werden, wie es weitergehen sollte. Das war nicht einfach.

Sie haben die Professur für Energieverfahrenstechnik zum 1. April an Ihren Nachfolger Prof. Dr.-Ing. Martin Gräbner übergeben. Welchen Rat haben Sie für Professor Gräbner?

Gerade überwiegen die Freude und Gewissheit, eine gut bestellte Professur in beste Hände übergeben zu haben und die Neugier, welche neuen Impulse von Prof. Gräbner kommen. Martin Gräbner war Student und Doktorand am Institut und bringt viele neue Kontakte aus neun Jahren erfolgreicher internationaler Karriere in der Industrie bei AirLiquide mit. Und seine Berufung verspricht Kontinuität. Er folgt mir in vierter Folge nach Erich Rammler und Erhard Klose als Absolvent des Instituts und der TU Bergakademie Freiberg. Mein Rat: Immer hungrig und positiv bleiben!