Akte zur Gründungsgeschichte der TU Bergakademie Freiberg wieder aufgetaucht

V.l.n.r.: Dr. Heinrich Douffet, Dr. Herbert Kaden, Dr. Andreas Handschuh
Das Universitätsarchiv der TU Bergakademie Freiberg hat eine mehr als 200 Jahre alte und lange verschollene Akte zur Gründungsphase der Bergakademie Freiberg zurück erhalten. Sie dokumentiert die Entwicklung der metallurgischen Chemie als Wissenschaftsdisziplin in Deutschland.

Die Akte wurde in einem Nachlass entdeckt, berichtet Dr. Heinrich Douffet, Geologe und Denkmalpfleger aus Freiberg: „Mir wurde als erfahrener Denkmalpfleger ein alter Buchband mit gesammelten Schriften zugetragen. Ich sollte nachsehen, worum es sich handelt und wurde gebeten, darüber sinnvoll zu verfügen. Ich habe den Band durchgeblättert und erkannt, dass es sich um ein wichtiges historisches Zeugnis der Geschichte der Bergakademie handelt. Der Erbe des Nachlasses möchte anonym bleiben.“

„Ich danke im Namen der Universität dem Finder dafür, dass er auf Dr. Heinrich Douffet zugekommen ist und auf diese Weise eines der wertvollsten Dokumente zur Geschichte der Bergakademie erhalten bleibt“, sagt der Kanzler der TU Bergakademie Freiberg, Dr. Andreas Handschuh. „Erst im November vergangenen Jahres feierten wir das 250. Gründungsjubiläum der Bergakademie Freiberg. Dass ausgerechnet dann eine solche Akte wieder gefunden wurde, ist ein Glücksfall und auch Geburtstagsgeschenk. Die Akte kann dabei helfen, die Anfänge der Wissenschaftsdisziplinen Metallurgie und Chemie/ Hüttenwesen zu erforschen und damit die DNA der Bergakademie Freiberg zu entschlüsseln.“

Detaillierte Kenntnisse über die Einrichtung eines Lehrstuhls im 18. Jahrhundert

Die aufgeschlagene Akte mit dem dokumentierten Zeitraum 1793 - 1800  © TU Bergakademie Freiberg/ Ulf WaltherIn der Akte zur Einrichtung der Professur „Metallurgische Chemie“ wird unter anderem die Rolle des ersten Hochschullehrers dieses Fachs an der Bergakademie, Christlieb Ehregott Gellert beschrieben. Die metallurgische Chemie gehört von Beginn an zu den Kernfächern der Alma Mater Fribergensis. Heute ist sie den Fakultäten für Chemie und Physik sowie Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie angegliedert. Diese Akte dokumentiert den Schriftverkehr zwischen der Bergakademie, Vertretern des der Bergakademie übergeordneten Oberbergamtes und dem Kurfürsten von Sachsen und vermittelt einen detaillierten Einblick in die Wissenschaft und die Bildungspolitik des Kurfürstentums Sachsen im 18. Jahrhundert. Auch mehrere Schreiben und Gutachten des damaligen Bergakademieinspektors Abraham Gottlob Werner finden sich in der Akte. „Die TU Bergakademie Freiberg erhält damit eine einmalige Fülle von handschriftlichen Dokumenten der beiden bedeutendsten deutschen Wissenschaftler auf den Gebieten der Metallurgie und Chemie/ Hüttenwesen in der damaligen Zeit zurück. Wir versprechen uns aus dieser Quelle neue Erkenntnisse zur Entwicklung der theoretischen und praktischen Chemie sowie zum Bau und zur Ausstattung des chemisch-metallurgischen Laboratoriums an der Bergakademie“, sagt Dr. Herbert Kaden, Leiter des Universitätsarchivs. „Die Akten können wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung der Wissenschaftsdisziplinen geben.“

Unter anderem ist zu lesen, wie die Nachfolge Gellerts für den Lehrstuhl für Metallurgische Chemie geregelt werden soll. „Dem Schriftwechsel ist zu entnehmen, dass Gellert als Begründer der metallurgischen Chemie zwar außerordentliche Verdienste um die Entwicklung seines Lehrgebietes zukamen, er allerdings in der Spätphase seiner Lehrtätigkeit nicht mehr die neuesten theoretischen Erkenntnisse der damaligen Zeit, so Lavoisiers Oxidationstheorie, im Unterricht vermitteln konnte. Die Akte enthält umfangreiche Berichte über die besondere Eignung von Wilhelm August Lampadius als Wunschnachfolger Gellerts. Dadurch erfahren wir auch viel über das Leben von Lampadius selbst“, begründet Kaden die Bedeutung des Aktenfundes. Auch eine „Stellenbeschreibung“ für den Professor für Metallurgische Chemie findet sich in der Akte.

Mit dem Antritt der Professur durch Lampadius im Jahr 1795 übernahm ein Vertreter einer neuen Wissenschaftlergeneration das Lehrgebiet. Neben der stark praxisorientierten Ausbildung erhielt nun die Theorie einen größeren Stellenwert in der Lehre. Bereits ein Jahr zuvor hatte Lampadius angekündigt, den Unterricht neu gestalten zu wollen. Sein Ziel war es, die Qualität der Ausbildung an der Bergakademie zu verbessern, schreibt er an das Kurfürstliche Oberbergamt:

Gut erhalten: Das Schild über dem Eingang zum damaligen Metallurgischen Laboratorium  © Detlev Müller/ TU Bergakademie Freiberg„Gehorsamste Anzeige in Betreff des hohen Anbefohlnißes wegen Erbauung eines chemischen Laboratorii. Da die ausübende Chemie eine Wißenschaft ist, welche, wenn sie mit Nutzen soll betrieben werden, eine Menge Arbeiten erfordert, so ist das erste und dringendste Bedürfniß für einen Chemiker, ein gut eingerichtetes, mit allen nöthigen Hilfsmitteln versehener Arbeitsort.“ Neben verschiedenen Gutachten zur Errichtung eines solchen Laboratoriums enthält die Akte auch Bauzeichnungen und Kostenvoranschläge.

Auf den Leiter des Universitätsarchivs, Dr. Herbert Kaden, wartet nun eine spannende Arbeit: „Bei der ersten Inaugenscheinnahme der Akte muss dieser ein relativ ,normaler’ Erhaltungszustand bescheinigt werden. Die Bindung hat sich teilweise gelöst; es gibt einige Risse und sonstige mechanische Beschädigungen. Wir werden die Akte fachmännisch restaurieren und zusätzlich verfilmen lassen. Danach stehen Akte bzw. Film den Nutzern zur Auswertung zur Verfügung. Ich gehe davon aus, dass dann weitere wichtige Erkenntnisse gewonnen werden können.“

Das Universitätsarchiv besitzt zu den wichtigsten Lehrgebieten Gründungsakten, so unter anderem zur Mathematik, Physik oder auch Bergbaukunst. Für die metallurgische Chemie weisen die Bestandsverzeichnisse des Archivs insgesamt vier solcher Akten auf, doch bereits 1962 wurde der Verlust dreier Akten gemeldet, so Archivleiter Kaden: „Darüber, wann diese der Bergakademie verloren gegangen sind, ließe sich nur spekulieren.“