Dagmar Hülsenberg

interviewed im April 2009

Steckbrief

Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. oec. Dagmar Hülsenberg
32 Jahre Professorin an der TU Ilmenau, seit 2007 im Ruhestand
Studienrichtung: Silikathüttenkunde

Vita

  • 1940: im thüringischen Sonneberg geboren
  • 1959: Lehre als Facharbeiterin für technische Keramik
  • 1960: Studium an der Bergakademie Freiberg in der Fachrichtung Silikathüttenkunde
  • 1965: Abschluss als Dipl.-Ing., Anstellung als Assistentin bei Prof. Dr. Theodor Haase
  • 1969: Promotion zum Dr. rer. oec. bei Prof. Dr. Otto Gallenmüller
  • 1970: Promotion zum Dr.-Ing. bei Prof. Dr. Theodor Haase
  • 1970: Mitarbeiterin im Ministerium für Leichtindustrie
  • 1972: Leiterin der Abteilung Wissenschaft im Ministerium für Glas-und Keramikindustrie
  • 1975: Berufung an die Technische Hochschule Ilmenau an den neu eingerichteten Lehrstuhl für Glas- und Keramikwerkstoffe sowie -technologie
  • 1986: Berufung als Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, seit 2004 im Präsidium
  • 1976-1987: Vorsitzende des Fachverbandes Silikattechnik in der Kammer der Technik
  • 1987-1992: Präsidentin der Kammer der Technik
  • seit 1992: Mitglied der Deutschen Keramischen Gesellschaft
  • seit 1992: Mitglied der Deutschen Glastechnischen Gesellschaft
  • seit 2000: Mitglied der Humboldt-Gesellschaft Mannheim, Koordinatorin des Akademischen Rates, Mitglied des Präsidiums
  • seit 2002: Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech)
  • seit 2007: im Ruhestand

Interview

"Man muss bereit sein, sich wirklich anzustrengen. Trotz aller Freiheit sollte man versuchen, die Studienzeit maximal zu nutzen." Dagmar Hülsenberg weiß, wovon sie spricht. Mit eben diesem Arbeitseifer hat sie es geschafft, parallel in zwei verschiedenen Fächern zu promovieren und – für Frauen zu dieser Zeit nicht selbstverständlich – als Professorin eine spezielle Ingenieursausbildung in Ilmenau neu aufzubauen.  

Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. oec. Dagmar Hülsenberg, im südthüringischen Sonneberg geboren und aufgewachsen, machte nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Technokeram-Facharbeiterin. "Eigentlich wollte ich Ökonomie studieren", erzählt sie. "Aber leider hat es mit dem Studienplatz nicht geklappt." Der Keramik-Beruf habe durchaus seine Vorteile gehabt, vor allem in finanzieller Hinsicht. Trotzdem sei sie glücklich gewesen, als sie 1960 doch noch ein Studium aufnehmen konnte. Ihr Werkleiter Fritz Vogel hatte dafür gesorgt, dass sich Dagmar Hülsenberg an der Bergakademie Freiberg in die Fachrichtung Silikathüttenkunde einschreiben konnte. "Vorgesehen war eigentlich, dass ich anschließend wieder in den Betrieb zurückkehren sollte", sagt sie. Aber es kam anders, und nach dem Diplom 1965 blieb sie als Assistentin von Prof. Theodor Haase an der Bergakademie und arbeitete an ihrer Promotion. 

Fünf Jahre später hatte sie den Doktortitel, und zwar in zweifacher Ausführung. "Mein damaliger Ehemann Frieder Hülsenberg arbeitete an einem Buch zur Ökonomie mit. Und da mich das sehr interessierte – ich wollte ja eigentlich mal Ökonomie studieren – las auch ich die Fachliteratur. Und da ist mir beim Thema Kostenrechnung etwas aufgefallen, das nicht stimmen konnte", so Dagmar Hülsenberg. Das habe sie dann zu Papier gebracht, und ihr Mann zeigte es Professor Otto Gallenmüller. Der wiederum sei begeistert gewesen und habe ihr angeboten, ihre Erkenntnisse zu einer Promotion auszubauen. "Das ging natürlich nicht ohne Weiteres, denn schließlich hatte ich in Ökonomie kein Diplom." Zuerst mussten die Prüfungen für das so genannte große Rigorosum bestanden werden. "Das lief alles nach Feierabend", sagt Prof. Hülsenberg. "Tagsüber habe ich mich voll und ganz auf meine Tätigkeit als Assistentin von Prof. Haase konzentriert. Abends habe ich für die Promotion bei Prof. Gallenmüller gearbeitet." Natürlich sei das sehr anstrengend gewesen, aber so habe es doch noch geklappt mit der Ökonomie. Am Ende hatte sie den "außerplanmäßigen" Dr. rer. oec. sogar noch vor dem Dr.-Ing.  

In den folgenden fünf Jahren musste die eigene Forschungsarbeit ruhen. Dagmar Hülsenberg wurde ins damalige Ministerium für Leichtindustrie und später ins Ministerium für Glas- und Keramikindustrie berufen. Ihre Aufgabe war es, den Plan für Wissenschaft und Technik zu erstellen. "Ich hatte nicht viel Freude an der Arbeit", erinnert sie sich. "Das Angebot aus Ilmenau kam deshalb gerade recht."

Im thüringischen Ilmenau wurde zu der Zeit die Glas- und Keramikindustrie ausgebaut. Damit wuchs der Bedarf an Ingenieuren dieser Fachrichtung. An der Technischen Hochschule (heute TU) Ilmenau richtete man daher den neuen Lehrstuhl "Glas- und Keramikwerkstoffe sowie -technologie" ein. 1975 wurde Dagmar Hülsenberg mit 34 Jahren die damals jüngste Professorin der DDR. Sie hatte die Möglichkeit und Verantwortung, die Ausbildung auf dem Gebiet ganz neu aufzubauen.

"Ilmenau war für mich ein ideales Arbeitsumfeld", so Prof. Hülsenberg. "Ich konnte mir Inspiration von der Automatisierungs-, Halbleiter- und Elektrotechnik holen. Hier war es auch einfacher, neue Gedanken aufzunehmen, mal in eine andere Richtung zu denken." Die Bergakademie Freiberg sei damals sehr traditionsbewusst gewesen – was grundsätzlich gut sei, aber die Forschung manchmal bremse. "Aber ich war und bin ein Freiberger Kind. Meine Lehrveranstaltungen haben sich methodisch an das angelehnt, was ich in Freiberg gelernt habe. Ich habe damals öfter in die alten Vorlesungen geschaut." Für den wichtigsten Grundsatz der Freiberger Schule, die enge Verbindung von Theorie und Praxis, habe Sie sich auch in Ilmenau ständig eingesetzt. "Auch wenn ich damit manchmal kollidiert bin. Aber ich bin nach wie vor der Ansicht, dass eine praxisbezogene Ausbildung ganz wichtig ist." Daher rate sie auch allen jungen Leuten, bereits vor dem Studium ein Jahr in dem angestrebten Beruf zu arbeiten. So, wie es zu ihrer Zeit noch Pflicht war.  

32 Jahre lang, bis März 2007, war Dagmar Hülsenberg in Ilmenau als Professorin tätig. Ihr Ruhestand ist alles andere als ruhig. Sie engagiert sich in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Gesellschaft Mannheim. Darüber hinaus arbeitet sie an einem Chemie-Lexikon mit. 

Wenn sie heute an ihre Zeit in Freiberg zurückdenkt, fällt ihr als erstes "eine besondere Form des Zusammenhalts" ein. "Der Zusammenhalt ist Teil der Tradition, die an der Bergakademie nach wie vor eine große Rolle spielt. Man kann irgendwo auf der Welt sein und weiß schnell, wer in Freiberg studiert hat." Auch wenn es vielleicht nicht mehr in die heutige Zeit passe, solle man ruhig die Bergmannsuniform anziehen, um Mitternacht den Schichtwechsel machen oder Löwenreiten. "Die Traditionspflege ist ganz wichtig", sagt Prof. Hülsenberg. In Ilmenau habe sie mal etwas Ähnliches versucht, "aber das lässt sich nicht aufpfropfen".  

Auch jetzt noch ist sie mehrmals im Jahr in Freiberg. Nicht zuletzt, weil ihr heutiger Ehemann Manfred Engshuber ebenfalls ein "Freiberger Kind" ist. Er studierte von 1949 bis 1953 bei Professor Rammler Aufbereitung (Kohle und Öl) und war von 1975 bis 1993 an der Bergakademie als ordentlicher Professor für Energieeinsatz tätig.