Tran Duc-Mau

interviewed im September 2008

Steckbrief

Tran Duc-Mau
Botschafter der Sozialistischen Republik Vietnam in der Bundesrepublik Deutschland
Studienrichtung: Ingenieurökonomie

Vita

  • 1979-1983: Studium der Ingenieurökonomie an der Bergakademie Freiberg
  • 1983-1984: Jahrespraktikum im Kabelwerk Berlin-Köpenick
  • 1984-1987: Botschaftsmitarbeiter in Berlin
  • 1988-1991: Botschaftsmitarbeiter in Bonn
  • seit 2005: Botschafter der SR Vietnam in Berlin

Interview

Wenn Tran Duc Mau, Botschafter der Sozialistischen Republik Vietnam in der Bundesrepublik Deutschland, auf sein Studium in Freiberg angesprochen wird, strahlen seine Augen. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht. "Das war eine schöne Zeit, ich habe sie sehr genossen", sagt er. "Nicht nur das Studium, auch das Studentenleben." Und dann beginnt er angeregt zu erzählen. Man spürt förmlich die Emotionen, die er mit seiner Studienzeit Anfang der 1980er Jahre an der Bergakademie verbindet.

Im Juli 1975 trat der frisch gebackene 19-jährige Abiturient aus Hanoi die weite Reise nach Europa an. Mit ihm rund 100 junge Frauen und Männer, die aufgrund ihrer ausgezeichneten Noten von Nordvietnam zu einem Auslandsstudium delegiert wurden. "Wir waren stolz darauf, wohin wir geschickt wurden – ob UdSSR, DDR oder Polen – das war nicht entscheidend. Die Chance, eine exzellente Ausbildung zu erhalten, zählte da mehr." Eine Kommission entschied dann, dass Tran Duc Mau in der DDR studieren wird. Dabei berücksichtigte man aber schon die Neigungen und Stärken der Abiturienten, ob sie eher in den Naturwissenschaften oder in der Technik lagen. "Wir waren sehr motiviert. Schließlich bezahlte unser Land die kompletten Aufenthalts- und Ausbildungskosten. Mit einem erfolgreichen Abschluss zurück zu kehren und als Fachmann Vietnam zu dienen, das war unser großes Ziel."

Erste Station für Tran Duc Mau und alle anderen Ausländer, die in der DDR studierten, war Leipzig. Am Herder-Institut erhielt er eine intensive Sprachausbildung. Im August 1979 stand er dann das erste Mal mit neun vietnamesischen Kommilitonen in Freiberg vor den Lehrgebäuden. Er erinnert sich gut daran: "Wir wussten, hier studieren wir also. Und zwar an einer Akademie. In unseren Augen besaß der Name Bergakademie mehr Wert als jede Universität." Er hatte sich für BWL eingeschrieben, Fachrichtung Ingenieurökonomie der Metallurgie. Nordvietnam brauchte Ingenieure mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, vor allem für die Industrie. Heute würde man den Abschluss als Diplom-Wirtschaftsingenieur bezeichnen.

"Wir wurden in der internationalen Freiberger Studentenfamilie freundlich aufgenommen und fühlten uns gleich sehr wohl". Ende der 1970er Jahre gab es zahlreiche ausländische Studierende an der Bergakademie. Rund 30 kamen aus Vietnam, weitere aus Afrika, Korea, China, Laos, Kambodscha und osteuropäischen Ländern. "Das Studium war anspruchsvoll. Vor allem beim Aneignen des Fachwissens mussten wir uns anstrengen. Ob nun Metallurgie, Silikattechnik oder Verfahrenstechnik – für uns war alles neu. Eine große Hilfe brachten die Praktika in Zentren der Metallurgie wie Eisenhüttenstadt oder Riesa. Hier lernten wir die Theorie mit der Praxis zu verbinden und gleichzeitig Land und Leute kennen." Gerade die Kontakte zu den arbeitenden Menschen schätzt Tran Duc Mau als sehr wichtig für seine persönliche Entwicklung ein. "Ich war ja damals noch sehr jung und musste mich in einer völlig neuen Welt, mit anderer Kultur, Mentalität und ungewohnten Lebensumständen zurechtfinden und lernen, damit umzugehen." Heute sagt er von diesen Jahren: "Ich habe mein berufliches Handwerk in Freiberg, das ja als Wiege der Metallurgie gilt, erworben. Hier habe ich den wichtigsten Grundstock an Bildung bekommen. Ich habe sehr viel von den Dozenten und Betreuern, von den Menschen überhaupt gelernt. Fleiß und Pflichtbewusstsein gehören dazu, auch die Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit gegenüber ausländischen Studierenden. Diese Zeit hat mich wie keine andere für mein Leben geprägt." Dann huscht wieder das jugendliche Lächeln über sein Gesicht. "Nie vergessen werde ich unser Bergfest. Wir haben ordentlich gefeiert und sind dann mit Zylinder auf dem Kopf durch die Stadt gezogen. Und wir haben Bäume zur Erinnerung gepflanzt. Unvergessen bleibt auch meine Abschlussprüfung. Sie dauerte vier Stunden. "Nach dem erfolgreichen Abschluss gehörte es zur Tradition der Absolventen, auf einem der Löwen zu reiten, die den Brunnen auf dem Obermarkt schmücken. Das haben sich auch die vietnamesischen Studenten nicht nehmen lassen. Den Strafzettel dafür nahmen wir wie ein Zeugnis entgegen."

Als frischgebackener Diplom-Ingenieurökonom absolvierte Tran Duc Mau ein Jahrespraktikum im Kabelwerk Berlin-Köpenick. Danach begann seine Karriere auf dem diplomatischen Parkett. Rückblickend findet er, dass seine betriebswirtschaftlichen und ingenieurtechnischen Kenntnisse ebenso wichtig dafür waren wie die relativ lange Zeit, die er in Deutschland gelebt hat. "In diesem neuen Metier muss man vieles beherrschen: Politik, Außenpolitik, Inneres, Wissenschaft, Kultur...." Er kennt die Mentalität der Deutschen, beherrscht die Sprache und schätzt deren Kultur, diese Vorteile für einen Diplomaten brachte er mit, alles andere, so seine Überzeugung, lasse sich lernen.

Drei Jahre arbeitet Tran Duc Mau in der Botschaft in Berlin, danach einige Zeit in Vietnam und von 1988 bis 1991 an der Botschaft in Bonn. Seit April 2005 ist er Botschafter der SR Vietnam in Berlin. Als Botschafter sieht er eine wichtige Aufgabe darin, die politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Vietnam enger zu gestalten. Technik und Firmen sind in der aufstrebenden Wirtschaft Vietnams gefragt. Er hat sich bemüht, um Deutschland nach der Wiedervereinigung noch mehr Präsenz in Vietnam zu ermöglichen. In vielen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft der SR Vietnam arbeiten ehemalige Absolventen aus Deutschland. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen. Auf dem Gebiet der Bildung könnte er sich zum Beispiel vorstellen, vietnamesische Studenten mit einem Stipendium in Deutschland ausbilden zu lassen. "Professoren der TU Bergakademie Freiberg könnten zum Beispiel regelmäßig ein Semester ihres Wissenschaftsgebietes in Vietnam lehren. Das letzte Studienjahr könnten die Studenten dann in Freiberg absolvieren. Eine Kooperationsvereinbarung mit der TU Bergakademie Freiberg wäre ein erster Schritt in diese Richtung. Gut wäre auch, wenn junge vietnamesische Wissenschaftler ihre Doktorandenausbildung in Sachsen erhalten könnten."


Sein größter Wunsch ist, eine deutsche Universität in seiner Heimat zu etablieren. Als Partner für dieses Projekt konnte er bereits das Land Hessen interessieren. Erstmals wird es in diesem Jahr dazu ein Studienkolleg geben. Noch fehlt ihm bei den zahlreichen protokollarischen Verpflichtungen die Muße, diesen Gedanken zielstrebig nachzugehen. Er hofft, wenn seine Zeit als Botschafter ausläuft, dass er sich dann intensiver diesen Fragen widmen kann. Auf alle Fälle will er beim nächsten Treffen des Vereins der ehemaligen Absolventen Freibergs in Vietnam seine Vorstellungen darlegen und hofft, dort Mitstreiter zu finden.


Heutigen Studenten möchte der Botschafter mit auf den Weg geben: "Egal, wo man studiert, stets sollte man den Wunsch haben, neben dem Studium auch mit dem Land und seinen Menschen Bekanntschaft zu schließen. Nur so lernt man sich selber kennen und es öffnen sich Horizonte, die prägend für das eigene Leben sind."


Interview von: Christel-Maria Höppner