Prof. Dr. Karl-Armin Tröger zur feierlichen Emeritierung und zum 65. Geburtstag

Prof. Dr. Karl-Armin Tröger zur feierlichen Emeritierung und zum 65. Geburtstag

von Silke Voigt, Frank Horna & Thomas Voigt

Karl Armin Tröger

Karl-Armin Tröger wurde am 30. November 1931 als Sohn von Carl-Herbert Tröger und Sophie Charlotte Tröger in Melun bei Paris geboren. Sein Vater leitete zu dieser Zeit in Frankreich eine Lederfabrik. Mitte der dreißiger Jahre mußte die Familie Frankreich verlassen, worauf die Tröger´s nach Plauen im Vogtland zogen. Der Vater überlebte den Krieg nicht, so daß seine Mutter, eine beherzte und ehrwürdige Frau, die Familie als Schneiderin ernährte.

Von 1939 bis 1941 besuchte Karl-Armin Tröger in Dresden die Grundschule und anschließend von 1942 bis 1945 das Realgymnasium in Dresden. Er erlebte die Zerstörung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 in der elterlichen Wohnung, die glücklicherweise in der weniger betroffenen Neustadt lag. Nur ein Drittel seiner Schulklasse hatte diesen Angriff überlebt. 1950 bestand er seine Abiturprüfung an der Oberschule für Jungen in Dresden Nord.

Aufgrund seiner starken Naturverbundenheit und seines Interesses für Tiere und Pflanzen war sein erster Berufswunsch, Förster zu werden. Von der lebenden zur fossilen Flora und Fauna war es nur ein kleiner Sprung. So weckte der Fund eines verkieselten Stückes Holz während einer Wanderung in Dresdens Umgebung sein Interesse für Petrefakte, und er begann, neben dem Aufsammeln von Mineralen bereits in dieser Zeit mit der "Plünderung" kretazischer Brandungstaschen der näheren Umgebung.


Am Ende seiner Schulzeit bewarb er sich in Freiberg für ein geowissenschaftliches Studium. Voraussetzung für eine Bewerbung war zu damaliger Zeit die Einreichung eines Aufsatzes, der für gewöhnlich ein optimistisch-politisches Thema der jüngsten Vergangenheit umreißen sollte. Im Gegensatz dazu befand Karl-Armin Tröger seine Studien im Plauenschen Grund als aussagekräftiger über seine naturwissenschaftlichen Neigungen. Dennoch folgte diesem unüblichen Aufsatz die Einladung nach Freiberg durch den amtierenden Studiendekan.

Die Reise von Dresden in das nur 40 km entfernte Freiberg verlief aufgrund des begrenzten Budgets des jungen Karl-Armin recht abenteuerlich: Mit Hilfe einer Straßenbahnkarte erreichte er Tharandt, lief dann zu Fuß bis Edle Krone und konnte sich dort von seinen letzten Pfennigen eine Fahrkarte bis nach Freiberg kaufen. Doch die Strapazen sollten sich lohnen, und er bekam die Zusage für einen Studienplatz der Geologie. Im Jahre 1950 begann er mit dem Studium an der Bergakademie Freiberg.

Zu dieser Zeit war Hermann Schwanecke Professor für Geologie in Freiberg, der Karl-Armins Interesse an Fossilien und Sedimenten förderte. So durfte er bereits in jungen Jahren am mittlerweile berühmten Kalksteinprofil von Hoppenstedt im nördlichen Harzvorland seine paläontologischen und lithologischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Sicher ist in dieser frühen Phase seines Schaffens, ob der Fossilhäufigkeit der subherzynen Kalke, auch seine Liebe zu den Inoceramen-Tieren entstanden. Das Thema seiner Diplomarbeit "Sedimentpetrographische und biostratonomisch-paläontologische Untersuchungen der Kreide des Plauenschen Grundes bei Dresden" sollte sich als wegweisend für seine weiteren wissenschaftlichen Ambitionen herausstellen.

Nach abgeschlossenem Studium wurde Karl-Armin 1955 Assistent an der Bergakademie, zunächst bei Prof. Hermann Schwanecke und später bei Prof. Adolf Watznauer. Das verstärkte Interesse an den Uranvorkommen im Süden der DDR führte in dieser Zeit zu einer umfangreichen geologischen Aufwältigung dieser Region. In diesem Kontext bearbeitete Karl-Armin Tröger im Rahmen seiner Promotion die kaledonischen und frühvariscischen Phasen im Vogtland. Von den Ergebnissen der Arbeit profitierten zahllose Studentengenerationen auf Exkursionen in dieses Gebiet. Das schwer zu fassende, weil stark deformierte und fossilarme Altpaläozoikum Sachsens sollte ein weiterer Forschungsschwerpunkt in der Wissenschaftlerlaufbahn Karl-Armin Trögers werden.

Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Kollegen Günter Freyer beschrieb er ausführlich in einem handlichen Exkursionsführer die altpaläozoischen Fossilfundpunkte, was die Sammler scharenweise in die eher unscheinbaren und verborgenen Aufschlüsse des Vogtlandes lockte. Dies war die einzige Publikation Karl-Armin Trögers, deren Erscheinen er später bedauerte.


Nach dem erfolgreichen Abschluß seiner Promotion im Jahr 1959 arbeitete er zwei Jahre im damaligen Geologischen Dienst der DDR (Zweigstelle Sachsen). Kurt Pietzsch, einer der Wegbereiter der sächsischen Geologie und vormaliger Leiter des Geologischen Dienstes, wohnte als Junggeselle noch immer im selben Gebäude und übte eine Beraterfunktion aus. Zwischen ihm und Karl-Armin Tröger entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis.

Karl-Armin Tröger erhielt nach seiner raschen akademischen Karriere die Gelegenheit, die rauhe Luft der geologischen Praxis zu spüren: Zu seinen Arbeitsaufgaben gehörte unter anderem ein hydrogeologisches Gutachten über die Phenolgehalte in der Elbe, da Chlorphenole im Dresdener Trinkwasser aufgetaucht waren. Die Gefährdungsabschätzung der Trinkwasserbrunnen von Bad Schandau bis Meissen führte ihn wiederum, aber diesmal unter einem gänzlich anderen Vorzeichen, in das Sächsische Kreidebecken.

In die gleiche Zeit fällt ein großes Kartierungsprojekt im Maßstab 1:200 000 im Sächsisch-Böhmischen Grenzbereich, bei dem Karl-Armin (inzwischen konnte es gar nicht anders sein), der Kreide-Anteil übertragen wurde. Diese Kartierung blieb bis heute die einzige grenzüberschreitende Kartierung in Kooperation mit tschechischen Kollegen. Bereits in dieser Zeit begannen seine illegalen Grenzübertritte, wofür die Tschechen ihm schmunzelnd dankten, war ihnen doch zu Beginn der sechziger Jahre, einer Zeit politischer Wirren, der Zugang in die grenznahen Gebiete selbst zum sozialistischen Bruderland DDR verwehrt.


Im Jahre 1961 bestand für Karl-Armin Tröger zum einen die Möglichkeit, nach Berlin zur Staatlichen Vorratskommission zu gehen, zum anderen standen ihm aufgrund seiner fachlichen Kompetenz und der freundschaftlichen Beziehungen zu Adolf Watznauer und Kurt Pietzsch die Tore der "Königlich Sächsischen" Bergakademie wieder offen. Er wählte letzteren Weg.

In den frühen sechziger Jahren boomte in der DDR die fieberhafte Suche nach Erdöl, Erdgas und anderen verwertbaren Rohstoffen. Dabei fanden die mittleren und nördlichen Bezirke besonderes Interesse; jenes Gebiet, das von Hans Stille mit der Abenteuer verheißenden Note "Terra incognita" versehen worden war. Dieses "unbekannte Land" zu erforschen, reizte natürlich auch den hoffnungsvollen Jung-Wissenschaftler.

In Zusammenarbeit mit dem Erkundungsbetrieb "GFE Schwerin" wurde das Bohrprogramm Jura-Ostmecklenburg (JOM) abgeteuft. Das Alb bis Maastricht in 40 bis 50 Bohrungen wartete auf Karl-Armin´s biostratigraphische Einstufung. In dieser Zeit baute er seine "Geheimwaffe" zur Vermessung und Bestimmung von Inoceramen und entwickelte seine, ihn später berühmt machende Inoceramenstratigraphie. Diese wurde zum wesentlichen Inhalt seiner Habilitationsschrift, die in den Abhandlungen des Museums für Mineralogie und Geologie zu Dresden erschien (Tröger, 1967, 1969). Gutachter dieser Arbeit war neben Arno Hermann Müller und Adolf Watznauer als Auswärtiger der Papst der deutschen Oberkreide: Ehrhard Voigt in Hamburg.

Im Jahre 1966 wurde Karl-Armin Tröger als Dozent für "Praktische und Theoretische Stratigraphie" berufen, was natürlich auch mit einer Intensivierung seiner Lehrtätigkeit verbunden war. Seine klare Diktion und ausgeprägte Fähigkeit zur Abstraktion führten dazu, daß seine Vorlesungen zur praktischen und theoretischen Stratigraphie immer gut besucht waren. Viele Studentengenerationen in Freiberg erhielten durch Karl-Armin Tröger einen tiefen Einblick in die Geheimnisse der Erdgeschichte, deren wechselvolles, durch mancherlei tiefe Zäsuren geprägtes Walten er lebendig zu schildern verstand.

Sein Freund und Kollege Gundolf Ernst, von Karl-Armin oft als "dieser Gundolf" tituliert, bereiste im Herbst 1966 zum ersten mal die Kreide der Ostgebiete. Dafür benötigte er schrecklich viele Aufenthaltsgenehmigungen der Bezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Halle und Magdeburg, was den für gewöhnlich eher besonnenen Karl-Armin furchtbar reizte und schließlich in einem geballten Emotionsausbruch auf einer Quedlinburger Behörde kulminierte.

Eine besondere Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen, auf die er auch selbst besonders stolz ist, war die Aufnahme in die "Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina" im Jahre 1973. Später wirkte er in der "Leopoldina" als Adjunkt des Landes Sachsen.


Von Oktober 1975 bis Juli 1976 nutzte Karl-Armin Tröger die Möglichkeit zu einen Studienaufenthalt in der Sowjetunion. Während dieser Zeit hielt er sich an den Geologischen Instituten in Moskau, Kiew und Leningrad auf. Dort lernte er die große Belemnitensammlung von Dmitri P. Naidin an der Lomonossow-Universität, und die Inoceramensammlungen von Tatjana D. Zonova (Material aus dem Kaukasus), und Valentina I. Efremova (Material aus Nordsibirien) kennen. Besonders wertvoll für ihn war die Bekanntschaft von Michail A. Pergament, dessen mittlerweile verschollene Sammlung mit Inoceramen von Kamtschatka und Sachalin er noch bestaunen und dokumentieren konnte. Später besuchte Pergament ihn in der DDR und gemeinsam sammelten sie im Subherzyn Inoceramen.

Der Höhepunkt seines Aufenthaltes in Osteuropa war ohne Zweifel eine mehrwöchige Gelände-Kampagne auf der Krim, von wo er umfangreiches Probematerial mit nach Freiberg brachte. So wurde durch ihn die Stratigraphische Sammlung der Bergakademie Freiberg maßgeblich in eine der didaktisch wertvollsten Lehrsammlungen Deutschlands umgewandelt. Besonders in den Vitrinen und Schränken des späten Mesozoikums weisen die Etiketten auf seine Sammelleidenschaft und das Gespür für instruktive Gesteinsproben hin.

Ihm gelang die Aufstellung eines verfeinerten biostratigraphischen Schemas für den europäischen Teil der Sowjetunion und eine sehr detaillierte Korrelation mit den mitteleuropäischen Profilen. Bereits damals fielen ihm die erstaunlichen Parallelitäten in der sedimentären und paläontologischen Entwicklung zwischen so weit entfernten Regionen wie dem Schwarzen Meer und dem Norddeutschen Becken auf, die er richtig als Ausdruck von globalen Trans- und Regressionen deutete. Seinem Freund Gundolf Ernst und seinen Schülern blieb es letztendlich vorbehalten, aufgrund von auffälligen Konformitäten innerhalb der kreidezeitlichen Ablagerungen zwischen Mexico und Kasachstan einen neuen Zweig der Geognosie zu begründen: die Eventstratigraphie.


Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion legte man in der DDR weniger Augenmerk auf die Mesozoikumsforschung. An der Bergakademie Freiberg entwickelte man gemeinsam mit dem Zentralen Geologischen Institutes (ZGI) im Auftrag des Ministeriums für Geologie ein Forschungsprojekt zum Thema "Metallogenie Grundgebirge - Revision Erzgebirge". Ziel war die Erkundung auch kleiner Tonnagen einheimischer Rohstoffe.

Karl-Armin konnte seiner stratigraphisch-paläontologischen Passion jedoch treu bleiben und widmete sich stratigraphischen Untersuchungen in Ostthüringen, im Elbtalschiefergebirge und Nossen-Wilsdruffer Schiefergebirge. Die monotonen Schiefer- und Phyllitserien des Sächsischen Kambroordovizium harrten einer lithostratigraphischen Gliederung. In dem für den Laien auf dem ersten Blick kaum gliederbaren Devon gelang ihm der Nachweis von unterdevonischen Tentakuliten und damit die Ausmerzung einer durch die regionalgeologische Literatur geisternden kaledonischen Diskordanz.

Im Rahmen einer Hanns Bruno Geinitz-Gedenkfeier trafen sich im April 1980 einige der führenden mitteleuropäischen Oberkreidespezialisten in Dresden. Teilnehmer an diesem "konspirativen Kreidesymposium" waren neben Karl-Armin die Herren Ehrhard Voigt und Christian Spaeth (beide aus Hamburg), Gundolf Ernst (Westberlin), Ryszard Marcinowski (Warschau), Hans Prescher (Dresden) und Jost Wiedmann (Tübingen). Hierbei handelte es sich durchaus nicht um die ersten grenzüberschreitenden Kontakte von Karl-Armin. Seine erstes Rendezvous mit Gundolf wurde ja bereits angeführt. Auch Jost Wiedmann zählte zu diesem Zeitpunkt bereits zu seinen "guten alten Bekannten". Ausgangspunkt für diese langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit war eine gemeinsamen Exkursion Ende der 50er Jahre durch Sachsen.

Mitte der 80er Jahre erschien sein umfangreiches Lehrbuch zur Stratigraphie unter dem Titel "Abriß der Historischen Geologie" (Tröger 1984). Mit diesem materialreichen Werk verewigte er sich nicht nur bei der Freiberger Studentenschaft.


Im Zuge der politischen Wende in der DDR, Ende 1989, erfolgte die Umwandlung seiner Dozentur in eine a. o. Professur. Mit seiner Berufung zum C4-Professor für Dynamische und Historische Geologie im Jahr 1992 fanden seine wissenschaftlichen Leistungen sowie sein unermüdlicher Einsatz in der Lehre der vergangenen Jahre endlich die entsprechende Anerkennung und Würdigung.

Als Mitglied des Senats der Bergakademie, als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und als Direktor des Geologischen Institutes der Bergakademie Freiberg hat Karl-Armin Tröger in den Jahren 1990 bis 1994 eine außerordentlich umfangreiche politische und organisatorische Arbeit geleistet, die heute eine wesentliche Grundlage für die Attraktivität des Geologie Studiums an der TU Bergakademie Freiberg darstellt. Neben seinen Aufgaben in der Personalkommission und Berufungskommission der Bergakademie reichen seine Aktivitäten weit über den Rahmen seiner Universität hinaus. Karl-Armin Tröger wirkte erfolgreich bei der Evaluierung geologischer Institutionen der ehemaligen DDR mit. Zusätzlich übernahm er die umfangreichen Aufgaben eines Fachgutachters bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ist seit 1993 Mitglied des Auswahlausschusses der Alexander von Humboldt Stiftung. Parallel dazu wurde ihm das zeitintensive Amt des Mit-Koordinators im DFG-Schwerpunkt "Steuerungsfaktoren biogener Sedimentation - Kreidesedimentation" angetragen.

Karl-Armin Trögers Liebe zur Natur blieb auch in dieser durch bürokratische Hürden gepflasterten Zeit ungebrochen: Sein liebster Arbeitsort ist das Gelände. Er erfüllte sich 1995 einen lang gehegten Wusch und nahm auf einer Exkursion die berühmten Weißen Klippen von Dover in Augenschein. Diskussionen über Sedimente, Schichtlücken und Fossilien mit Chris Wood und Rory Mortimore befruchteten wechselseitig das Verständnis für eine Zeit, in der das Vereinigte Königreich noch keine Insel und Deutschland fast völlig von den warmen Wellen des Kreidemeeres überspült war.

Auch die sächsische Landes-Kartierung konnte auf die Erfahrung und die Lokalkenntnisse des Kreide-Matadoren nicht verzichten. Die Neukartierungen des Kreideanteiles auf den Meßtischblättern von Pirna, Kreischa und Dresden standen und stehen auch heute noch unter seiner Federführung.

Die Internationalisierung seiner Forschertätigkeit läßt sich unschwer aus seiner umfangreichen Publikationsliste ablesen. Selbst in den für ihn 30 Jahre lang unerreichbaren Alpen lassen sich seine Spuren nun verfolgen. Gegenstand seiner Untersuchungen waren auch hier die Inoceramen und ihre Eignung als Zeitmarken in der bewegten Geschichte dieses Gebirges.


Der Abschied von der Universität am heutigen Tag ist nur ein scheinbarer: Bis zur Neubesetzung seines Lehrstuhles wird er sich selbst vertreten und auch die Wissenschaftlerkollegen dürfen mit weiteren Veröffentlichungen rechnen.

Freiberg, den 30.04.1997