Persönliche Erinnerungen - Professor Dr. Arno Hermann Müller

Persönliche Erinnerungen - Professor Dr. Arno Hermann Müller

von Hans-Peter Jordan

Arno Hermann Müller

Anfang September 1956 stand ich Professor Arno Hermann Müller im damaligen, gerade neu erbauten Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Jena in der Fraunhofer Straße erstmals gegenüber. Das ist nunmehr auf den Tag 40 Jahre her; ich war damals 21 jähriger Student, Arno Hermann oder "AH" (wie wir ihn nannten) 40jähriger Professor. Ich hatte an der Bergakademie Freiberg mit dem Studium der Geologie 1953 begonnen und das 5. Semester als Gastsemester in Jena belegt, weil mein besonderes Interesse der Paläontologie galt und uns der Name A. H. Müller, neben mir auch meinen Kommilitonen Horst Blumenstengel, magisch anzog. Ich erinnere mich an den starken Eindruck, den A. H. M. auf uns machte. Keine Vorlesung wurde ausgelassen und es wurde das Mikropaläontologische Praktikum belegt, in dem wir in die "Geheimnisse" der mikroskopischen fossilen Lebewelt eingeführt wurden. Im Dachgeschoß des Institutes hatten wir ein Arbeitszimmer, in dem wir ungestört an Binokularen über unsere Franke-Zellen gebeugt saßen und auslasen, zeichneten und bestimmten; fast täglich bekamen wir Besuch von A. H. Müller. Diese Besuche und Gespräche haben mich geprägt; es entstand ein intensives Lehrer-Schüler-Verhältnis und mein Wunsch wuchs, die Paläontologie zu meinem Berufsziel zu machen und wenn irgend möglich unter A. H. Müller zu arbeiten. In diese Zeit fiel das Erscheinen des 1. Bandes des "Lehrbuchs der Paläozoologie", dem inzwischen 7 bändigen, in mehrfachen Auflagen erschienenen Klassiker der Paläontologie. 1957 wurde A. H. Müller an die Bergakademie Freiberg berufen und ich - inzwischen wieder in Freiberg - hatte als Diplomand ein Thema von A. H. Müller, das mikropaläontologisch orientiert war und in Abstimmung mit dem Göttinger Harzgeologen Professor Walter Schriel, den Ostracoden des sog. Älteren Hercyns im Harz gewidmet war. Mit A. H. Müller's Wahl und Förderung der Ostracodenforschung entstand eine außerordentlich fruchtbare Periode mikropaläontologischer Forschung an der Bergakademie Freiberg mit starker nationaler und internationaler Ausstrahlung. Zahlreiche Mikrofaunen und Mikrofloren mit neuen Gattungen und Arten wurden entdeckt. Später baute er neben anderen eine Forschungsrichtung zur Paläontologie und Biostratigraphie der Trias und des Permokarbon in Mitteleuropa auf. Das Spektrum der eigenen Arbeiten A. H. Müllers war enorm breit und reichte von der Ichnologie über die Biostratinomie, Biostratigraphie und Phylogenie bis hin zu den unterschiedlichsten Klassen der Invertebraten und Vertebraten, vom Präkambrium bis zu rezenten Fragestellungen.

Ab 1. Januar 1959 wurde ich erster Assistent des Ordinarius für Paläontologie an der Bergakademie Freiberg; das war für mich der Beginn einer 12-jährigen fruchtbaren Zusammenarbeit mit A. H. Müller. Ich hatte das große Glück, einen akademischen Lehrer zu haben, der persönlich und fachlich Vorbild war. Die Generationen von Studenten, die er ebenso wie mich geprägt hat, werden es bestätigen: A. H. ist ein anregender und wie es heute heißt innovativer Wissenschaftler mit hoher Disziplin, intensivem Arbeitsstil, ein persönliches Vorbild, fachlich universell, ein Mann mit Grundsätzen, zu denen die alten Tugenden Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit, Gerechtigkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehören. Er führte seine Schüler "an der langen Leine", erzog sie dadurch zur Selbständigkeit, regte Vorträge und Publikationen an, schuf die Reihe "Paläontologie" in den Freiberger Forschungsheften, in der mittlerweile seit 1959 zahllose Hefte erschienen sind. Der Ausbau und die Systematisierung der Paläontologischen Sammlungen an der Bergakademie Freiberg waren ihm ein besonderes Anliegen; auch hier band er seine Schüler in sinnvoller Weise ein.

Die Hochschulreform Ende der 60er Jahre beendete die für mich glückliche und auch einigermaßen erfolgreiche Zeit als Paläontologe unter A. H. Müller, der mich akademisch gebildet und geformt und 1958 zum Diplom, 1963 zur Promotion, 1970 zur Habilitation geführt hatte. Ich wurde aus dem Hochschuldienst entlassen, was für mich und meine Entwicklung einen dramatischen Einschnitt bedeutete, und versuchte von da an eine neue Karriere im damaligen Forschungsinstitut für Wasserwirtschaft. Wenn ich mich damit fachlich auch von der Paläontologie und Biostratigraphie entfernte, so blieb ich doch meinem akademischen Lehrer eng verbunden, der mich vorbildlich auf meine jahrzehntelange, nicht immer geradlinig verlaufende berufliche Entwicklung vorbereitet hatte. Wissenschaftliche Denkungsart und Arbeitsweise habe ich von A. H. Müller gelernt, wenngleich ich seine Produktivität und Universalität nie erreicht habe, was aber wohl auch - zu meiner Ehrenrettung seis gesagt - sehr schwierig ist.

Als Emeritus bereiste A. H. Müller mit seiner Frau die Welt und berichtete begeistert von naturwissenschaftlichen Phänomenen, die er im Ausland studiert hatte. Zahllose ausgezeichnete Fotos von Land und Leuten, aber auch von Tier- und Pflanzenwelt, von "Spuren im Sand", von denen nicht wenige Eingang in Neuauflagen des Lehrbuches fanden, waren die ergiebige Ausbeute. Ich erinnere mich, daß A. H. Müller von einer Reise in die Mongolei erzählte, auf der er mit dem Busfahrer auf einer Wüstentour vereinbarte, von der Route abzuweichen, um an die berühmten Saurierfundstellen zu gelangen. Darüber hinaus waren Kuba, Vietnam, Sri Lanka, Sizilien, Indien, Burma Ziele, die verraten, daß A. H. Müller Ziele wählte, die möglichst unberührte Natur, aber alte Hochkulturen boten. Seine Wohnung zieren neben einer hervorragenden Bibliothek auserlesene Fossilien und Minerale, die er fast ausschließlich selbst sammelte, sowie besonders geschmackvolle und wertvolle Andenken an seine Reisen.

A. H. Müller verkörpert die selten gewordene Spezies einer akademischen Persönlichkeit, die mit ihrem Lebenswerk Bleibendes geschaffen hat und dabei bescheiden geblieben ist, die Anerkennung als Mitglied in Akademien, als Träger des Nationalpreises und des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, vor allem aber auch als Hochschullehrer bei seinen zahllosen Studenten, Diplomanden, Doktoranden, Habilitanden und Kollegen gefunden hat, die ihm anläßlich seines 80. Geburtstages Dank sagen und ihm Gesundheit und ungebrochene Schaffenskraft wünschen. Wer ihn sieht, glaubt ihm die 80 Jahre nicht, die er auf "dem Buckel" hat, selbst wenn der "Kalk allmählich durch die Hosenbeine zu rieseln beginnt", wie er wohl selbstironisch in seiner unverwechselbaren, originellen Ausdrucksweise sagen würde.

Ein herzliches Freiberger GLÜCK AUF dem Jubilar!