Geschichte

Verfahrenstechnik in Freiberg

Der Ursprung der Freiberger Verfahrenstechnik fällt mit der Entdeckung der reichen Silbererzvorkommen zusammen. Damit ist auch die Datierung mit diesem historischen Ereignis festgelegt: 1168. Um aus dem Erz das Zielprodukt Silber zu gewinnen, bedurfte es zahlreicher Schritte, um die gewünschte Stoffwandlung zu erreichen. Mechanische Verfahrenstechnik, Thermische Verfahrenstechnik und Reaktionstechnik als Säulen der Verfahrenstechnik griffen mit dem Blick und dem Wissen von heute gesehen, ineinander. Zerkleinern und Sortieren als wesentliche Aufbereitungsschritte, Wärmeübertragung, Schmelzen und Kristallisieren, Verbrennen, Oxidieren und Reduzieren sind einige der auch dem Verfahrenstechniker von heute vertrauten Prozessschritte. Man beachte auch die Einheit von Verfahren und Apparat/ Anlage, die heute noch ebensolche Bedeutung hat wie vor über 800 Jahren und die innige Verbindung zwischen Verfahrenstechnik und Maschinen- und Apparatebau erkennen lässt.

Die wesentliche Grundlage des Produktionsprozesses zu dieser Zeit war die Erfahrung. Erste Komponenten einer wissenschaftlichen verfahrenstechnischen Durchdringung waren Bilanzen: Masse- und Stoffbilanzen, Wärmebilanzen, Ausbeute- und Verlustberechnungen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Erfahrungsschatz natürlich immer reicher, die wissenschaftlichen Anteile verstärkten sich, vor allem auf dem Gebiet der Energiegewinnung und -nutzung in Verbindung mit der Wasserkraft. So kulminierte die Notwendigkeit, die angehäuften Erfahrungen und die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse einem größeren Kreis zugänglich zu machen, der letztlich Verantwortung im Kursächsischen Staatswesen übernehmen sollte, in der Gründung der Bergakademie Freiberg am 13. November 1765. Der offizielle Lehrbetrieb wurde zwischen Ostern und Pfingsten 1766 aufgenommen. Im Lehrplan finden sich bereits Fächer mit aus heutiger Sicht verfahrenstechnischer Prägung: Hydrostatik, Hydraulik, Metallurgische Chemie, Hüttenkunde, Aufbereitungstechnik, Probierkunde. Die Bausteine der Verfahrenstechnik blieben jedoch lange Zeit fachlich und organisatorisch zersplittert.

1968 erfolgte schließlich im Rahmen der so genannten 3. Hochschulreform die Zusammenführung aller verfahrenstechnischen Kompetenzen der Bergakademie in einer Sektion Verfahrenstechnik und Silikattechnik mit folgenden Wissenschaftsbereichen:

  • Mechanische Verfahrenstechnik und Aufbereitungstechnik (heute gleichnamiges Institut)
  • Thermische Verfahrenstechnik
  • Spezielle Verfahrenstechnik (die beiden letzteren gehören heute nach Profilerweiterung um die Umweltverfahrenstechnik zum Institut für Thermische Verfahrenstechnik, Umweltverfahrenstechnik und Agglomerationstechnik)
  • Reaktions- und Brennstofftechnik (heute Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen)
  • Silikattechnik (heute Institut für Keramik, Glas- und Baustofftechnik)

Damit ist das Jahr 1968 als Ausgangspunkt einer modernen Verfahrenstechnikausbildung nach heutigem Verständnis von besonderer Bedeutung. Den unterschiedlichen Anforderungen der Industrie an Verfahrensingenieure wurde mit einer staatlich verordneten Schwerpunktsetzung der einzelnen Ausbildungsstätten für Verfahrenstechniker Rechnung getragen:

  • Leuna-Merseburg: Chemische Industrie
  • Weimar: Baustoffindustrie
  • Dresden: Leicht- und Lebensmittelindustrie
  • Magdeburg: Anlagenbau
  • Freiberg: Grundstoffindustrie

Die Bündelung der verfahrenstechnischen Potenzen im Jahre 1968 war, wie man rückblickend feststellen kann, auch dafür ausschlaggebend, dass der Systemwechsel in Form der politischen Wende zu keinem Bruch in der verfahrenstechnischen Ausbildung führte. 1994 erfolgte dann im Rahmen des Gesetzes über die Hochschulen im Freistaat Sachsen (SHG) der Übergang zu größeren Struktureinheiten.