Aus der Geschichte des Karzers

Zeichnung im KarzerDer Freiberger Karzer ist der einzige seiner Art in einer deutschen Technischen Universität beziehungsweise Hochschule. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es häufig Klagen über die "sittliche Aufführung der Bergakademisten". Deshalb schlug 1835 Prof. Ferdinand Reich vor, die Karzerstrafe einzurichten. Alle Kollegen unterstützten seinen Vorschlag und unterbreiteten am 9. November 1841 beim Hohen Sächsischen Oberbergamt eine "ganz gehorsamste Anzeige".

Die Bergakademische Disziplinarbehörde war eine eigenständige akademische Gerichtsbarkeit und hatte ab 1843 die Möglichkeit, alle Studierenden der Bergakademie für Vergehen zu bestrafen. Als solche galten beispielsweise Unfleiß beziehungsweise unentschuldigtes Schwänzen, Vernachlässigung der praktischen Kurse, Randale, Prügelei, Beleidigung, Bittstellerei an den Professor (Geld leihen), Auflauf, Landfriedensbruch, demokratische Umtriebe. Die Karzerstrafen bewegten sich zwischen einem und 14 Tagen. Die einfache Karzerstrafe ging "je von früh 6 Uhr bis Abends 8 Uhr", geschärfte Karzerstrafe dauerte "zugleich über Nacht ohne Unterbrechung".

Karzer der TU Bergakademie Freiberg1842 erfolgt die Zuweisung eines geeigneten Bodenraumes, von 1843 liegt ein Kostenvoranschlag für den Bau eines Karzers in der Akademiestraße 6 vor, den die Zimmermeister Stecher und Schroth mit 100 Talern beziffern. Der bis heute erhaltene Karzer ist offensichtlich im Zuge einer späteren Aufstockung der Haupt- und Nebengebäude der Bergakademie in das dritte Obergeschoss verlegt worden.

Auskunft über dessen Benutzung gibt das "Karzerbuch", in das sich jeder Delinquent einzutragen hatte. Als erster Student musste Rudolph Eduard Gerlach aus Freiberg 1851 vom 25. Juli 8 Uhr früh bis 27. Juli 8 Uhr abends wegen "Postscandal" in den Karzer. Er hatte die Scheibe des Postwagens eingeschlagen. Gerlach war später von 1864 bis 1872 Lehrer für Bergrecht an der Bergakademie und Geheimer Finanzsekretär in Dresden. Der letzte Eintrag im August 1872 stammt von Enrique Astaburaga aus Chile, der sich nach Randalieren in der Stadt der Festnahme durch die Nachtpolizisten widersetzte, einem Ordnungshüter ein blaues Auge verpasste und dafür 14 Tage "einfachen Karzer" absaß.

Zeichnung im KarzerDas Mobiliar des Karzers bestand aus Tisch, zwei Stühlen, einem Bett mit Strohsack und einem gusseisernen Ofen. Im Vorraum befand sich eine Abortanlage. Über einen Klingelzug konnte der Karzerdiener gerufen werden, der auch das Essen brachte. Die Verpflegung im Karzer war nach einer Karzerordnung geregelt. Insgesamt verbrachten 48 Studenten einen Teil ihrer Freizeit im Karzer, darunter 32 Deutsche (davon 13 aus Sachsen) und 16 Ausländer. Sie kamen aus Amerika (6), Frankreich (2) und je einer aus Böhmen, Belgien, Chile, Kalifornien, England, Luxemburg, Norwegen und Spanien.

Die besondere Attraktivität des Freiberger Karzers in heutiger Zeit besteht vor allem in den zahlreichen Wandbemalungen und Inschriften im Schlaf- und Wohnraum. Die von den Insassen hinterlassenen Bilder, Symbole der Corps und Verbindungen, Porträtzeichnungen, Namenszüge und humorvollen Verse dokumentieren eindrucksvoll und mit viel Humor studentisches Alltagsleben jener Zeit.