Neues Bergwerk unter Freiberg

Ungefähr in der Mitte des neuen Freiberger Basis-Stollens entsteht mit dem Forschungskanal "Julius Weisbach" eine wissenschaftliche Plattform für Strömungsprozesse in der Umwelt-, Transport- und Energietechnik. Das ehrgeizige Vorhaben, das gemeinsam mit der Stadt in Angriff genommen wird, soll bis zum 250. Jubiläum der Bergakademie im Jahre 2015 verwirklicht werden.

"Auf der ′Reichen Zeche′ und der ′Alten Elisabeth′ verfügt die TU Bergakademie inzwischen über etwa 20 wissenschaftliche Einrichtungen untertage. Ein Großteil entstand in den vergangenen vier Jahren durch Sanierung und Neubau", berichtet Klaus Grund, stellvertretender Direktor des Lehr- und Forschungsbergwerkes. "Doch nun ist die 1. Sohle für Lehre und Forschung ausgereizt. Das betrifft sowohl die Besucherzahlen, die durch den neuen Lehrpfad auf rund 25 000 angestiegen sind, als auch Platz für neue Forschungsflächen. Außerdem ist der bisherige Streckenquerschnitt zu gering, um effiziente Materialtransporte für technische Einrichtungen vorzunehmen. Unser Ziel ist es deshalb, ein hochmodernes neues Bergwerk in die bestehende Struktur zu implantieren." Dies sei das größte bergbauliche Vorhaben in Freiberg seit Mitte der 1950er Jahre. "Die Kompetenz dafür", so Klaus Grund, der das Projekt entwickelt hat und betreut, "ist an der ältesten montanwissenschaftlichen Hochschule der Welt vorhanden. Es gibt zudem strikte Vorgaben und Sicherheitsbestimmungen."

Der Tageszugang für den Basis-Stollen erfolgt vom Besucherbergwerk über eine Rampe mit zehn bis 12 Prozent Neigung. Der "Tunnel" wird einen Querschnitt von fünf Meter Breite und dreieinhalb Meter Höhe haben. Für technische Transporte und für Touristen verkehren dann in der "Unterwelt" ausschließlich Elektroautos, ähnlich wie auf dem Golfplatz. Vom Stadtzentrum aus ist ein Eingang für Besucher in den Stollen geplant. Sie können dann beispielsweise nach einem Besuch in der terra mineralia in Schloss Freudenstein einen Abstecher zum Altbergbau-Abschnitt unternehmen und dort erleben, wie einst Silber abgebaut wurde.

Forschungskanal für Strömungsprozesse
Vor allem neue Forschungspartner möchte die Freiberger Universität mit dem Projekt Basis-Stollen gewinnen. "Es gibt mehrere Anfragen von Unternehmen, die gern untertage Forschungslabore oder Versuchsstände installieren möchten", so Klaus Grund. Die Vorteile liegen auf der Hand: konstante klimatische Bedingungen, emissionsarmer und kostengünstiger Betrieb. Dies will auch der Lehrstuhl für Strömungsmechanik unter Leitung von Prof. Christoph Brücker mit dem geplanten Forschungskanal nutzen. "Unser Ringkanal ähnelt in der Größe einer 400-Meter Laufbahn eines Leichtathletikstadions. Er wird mit Grubenluft betrieben und ist mit einem Gebläse, einem Schleppantrieb und einer geradlinigen Mess- und Prüfstrecke von rund 100 m Länge ausgestattet", erläutert Projektkoordinator Sebastian Kern. Mit der Forschungseinrichtung, die in diesem Ausmaß über Tage kaum realisierbar wäre, wollen die Freiberger Wissenschaftler Fragestellungen der Grundlagen- und angewandte Forschung im Energie- und Umweltsektor bearbeiten. Zugute kommen den Forschern in etwa 80 Meter Tiefe im Freiberger Graugneis noch die günstigen sicherheitstechnischen Bedingungen, die Daten- und Zugangssicherheit, kaum störende Akustik oder Vibration sowie ein staubreines Umfeld.

Rund zehn Millionen Euro sind für den Forschungskanal vorgesehen. Er soll zeitnah mit dem Vortrieb des Stollens gebaut werden. Zurzeit wurde eine Machbarkeitsstudie in Arbeit gegeben, die Auskunft darüber geben soll, wie Finanzierung des Kanals durch die potentiellen Nutzer unterstützt werden kann. Das Gesamtprojekt Freiberg Basis-Stollen ist mit 20 Millionen Euro veranschlagt. Neben der Industrie soll auch der Tourismus Geld einspielen. Wenn die Finanzierung klar ist, könnte Anfang nächsten Jahres mit dem einzigartigen Bau begonnen werden.