Freiberger Forscher finden in Kirgisistan Hai-Kinderstube aus Dinosaurier-Zeitalter

Freiberger Forschern der TU Bergakademie ist erstmals der Nachweis gelungen, dass Ur-Haie ihren Nachwuchs im flachen Wasser von Süßwasserseen, in Hai-Kinderstuben, aufgezogen haben. Funde aus dem abgelegenen Südwesten Kirgisistans in Zentralasien belegen das.

Unweit des Dorfes Madygen haben die Wissenschaftler der TU Bergakademie Freiberg neben vielfältigen Fossilien von Pflanzen, Insekten und höheren Wirbeltieren, auch Eikapseln und millimetergroße Zähne von Haifischen geborgen. Eikapseln sind zapfenförmige Hüllen, in denen die Jungtiere der Haie heranwachsen.

Keine der heute lebenden Hai-Arten legt ihre Eikapseln in Süßwasser. „Unsere Fossilfunde sind der erste Nachweis von Eikapseln und Jungtierzähnen in ein und demselben Vorkommen. Wir können so Erkenntnisse über das Verhalten einer ausgestorbenen Gruppe von Haien gewinnen, die vor etwa 230 Millionen Jahren in Zentralasien gelebt hat und die man gewöhnlich nur von einzelnen Zähnen her kennt“, freut sich Jan Fischer, Paläontologie-Doktorand an der TU Bergakademie Freiberg und federführender Autor der Studie.

Mit den Eikapseln hat der 33jährige Wissenschaftler außerdem nachgewiesen, dass unterschiedliche Haie-Arten dort gelebt haben. „Wie die Eikapseln und die Zähne verteilt waren, ähnelt verblüffend den Kinderstuben moderner Haie. Der Laichplatz und das Aufzuchtgebiet der Jungen sowie das Fehlen erwachsener Tiere beweist, dass Haie bereits vor 230 Millionen Jahren genauso ihre Jungen aufgezogen haben, wie ihre heute lebenden Verwandten“, erklärt Fischer.

Mit einem Unterschied – dem Süßwasser: Für ihre Analysen untersuchten die Freiberger Wissenschaftler zusammen mit Kollegen der Goethe-Universität Frankfurt den Zahnschmelz der Jungtierzähne geochemisch. Mit den Daten lässt sich beweisen, dass die betreffenden Jungtiere – anders als heutige Haie – im Süßwasser gelebt haben und auch dort zur Welt gekommen sind.

Ob die prähistorischen Haie jedoch ihr gesamtes Leben im Süßwasser verbracht haben oder im fortgeschrittenen Alter in das damals rund 1000 Kilometer entfernte Meer abgewandert sind, dazu ließen sich bislang keine Erkenntnisse gewinnen: „Uns fehlen Zähne erwachsener Tiere für entsprechende geochemische Analysen“, bedauert Fischer. Die von den Wissenschaftlern gefundenen Reste zeigen jedoch, ,dass diese Kinderstube über einen langen Zeitraum genutzt wurde.

Wie funktioniert eine prähistorische Hai-Kinderstube?
Die trächtigen Weibchen schwammen in den Uferbereich des Madygen-Sees im heutigen Kirgisistan und legten dort ihre Eikapseln, welche mittels Fäden an Wasserpflanzen befestigt wurden. Nach der Eiablage verließen die Muttertiere die Uferzone wieder und kehrten in ihren normalen Lebensraum zurück. Die Kapseln hingen für mehrere Monate im Uferbereich, bis die Jungtiere schlüpften. Diese lebten die nächsten Monate im vor Räubern geschützten Flachwasser, ernährten sich von den reichlich vorhandenen Muscheln und Würmern und wechselten schließlich in den Lebensraum der erwachsenen Tiere.

Die neuen Erkenntnisse sind das Ergebnis paläobiologischer, sedimentologischer, geochemischer und mineralogischer Untersuchungen. „Sie erlauben uns ein besseres Verständnis der Biologie fossiler Haie als auch anderer Fundorte mit derartigen Eikapseln“, so Fischer. Eine Fortsetzung der erfolgreichen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Society of Vertebrate Paleontology finanziell unterstützten Arbeiten im Gelände ist geplant. Das renommierte Fachmagazin „Journal of Vertebrate Paleontology“ erhob die außergewöhnliche Studie der deutschen Forscher in seiner Septemberausgabe übrigens zur Titelgeschichte [http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/02724634.2011.601729].