Engagierte Diskussion zum Umgang mit Ressourcen

Ein Publikumsmagnet war am Mittwochabend der Vortrag des Chemikers und Verfahrenstechnikers Prof. Dr. Michael Braungart aus Hamburg, zu dem die Stadt Freiberg und die Universität gemeinsam eingeladen hatten. Das Thema "Intelligent verschwenden ohne Müll - neue Wege im Umgang mit Ressourcen" lockte über 400 Zuhörer in den Saal der Alten Mensa. Mit großer Aufmerksamkeit und wachem Interesse folgten Studenten und Wissenschaftler der TU Bergakademie Freiberg sowie zahlreiche Bürger den Ideen, die der Umweltexperte seit rund 30 Jahren propagiert und die in den USA und den Niederlanden aufgegriffen wurden. Anknüpfend an sein Buch "Cradle to Cradle" ("Von der Wiege bis zur Wiege") präsentierte der Autor sein Konzept sowie aktuelle Beispiele von neuen Produkten, die sich endlos wiederverwenden oder schadstoffarm kompostieren lassen. In einer Podiumsdiskussion stellte sich dann der Wissenschaftler der Erasmus-Universität Rotterdam den Fragen der Fachkollegen sowie des Publikums. Drei spannende Stunden auf hohem Niveau, die wie im Fluge vergingen.
Braungart in Freiberg - das müsste passen, dachte sich Timo Leukefeld, Geschäftsführer der Freiberger Soli fer Solardach GmbH und lud den Gast ein. Auffallend an diesem Abend: Sowohl Braungart als auch die Diskussionspartner benutzen oft gleiche Wörter. Es geht um Stoffkreisläufe, Nachhaltigkeit, Ressourcen, Recycling, moderne Materialien, Umweltschutz, Effizienz und Effektivität. Die TU Bergakademie mit ihrem Profil Geo, Material, Energie und Umwelt hat sich als Ressourcenuniversität etabliert. Sie forscht zusammen mit Freiberger Unternehmen intensiv und erfolgreich an Umweltthemen, an der Rohstoff- und Energiesicherung, am nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Das machen Dekan Georg Härtel, Professor für Thermische und Umweltverfahrenstechnik an der TU Bergakademie, und Prof. Peter Woditsch, Vorstandssprecher der Freiberger Sunicon AG, in der Podiumsdiskussion deutlich.

Prof. Michael Braungart hat eine andere Herangehensweise. Er träumt von einer Welt ohne Abfall. Er möchte die Umwelt nicht durch weniger Verbrauch, sondern durch intelligente Verschwendung schützen. Deshalb plädiert er für eine neue Art des Produzierens, bei dem keine Rohstoffe mehr als Abfall übrig bleiben. "Dazu muss man die Dinge noch mal neu erfinden, ′designen′", sagt er. "Und von Anfang an alles so bedenken, dass es biologisch oder technisch nützlich ist." Wo das nicht geht, geben die Hersteller der Geräte nur noch die Dienstleitung ab, als vorher festgelegte Nutzungszeit. Beispiel: Die Kunden kaufen das Waschen für eine bestimmte Zeit und nicht die gesamte Waschmaschine. Diese geben sie dann wieder an den Hersteller zurück, der die Materialien wiederverwendet.Doch trotz gleichlautender Begriffe klappt es bei der Diskussion nicht mit der Kommunikation. Es gibt verschiedene Interpretationsversuche, manchmal redet man aneinander vorbei, oft liegen Erklärungen aber nicht so weit auseinander. Etwas schwierig wird es fürs Publikum, wenn drei Chemie-Professoren auf der Bühne in die Beweis-Tiefen der Wissenschaft abtauchen. Glücklicherweise führt Angela Elis, die kompetente und charmante Moderatorin des Abends, die Parteien immer wieder zueinander.

Prof. Braungart mag das Wort "Visionen" nicht, obwohl es ihm gegenüber im positiven Kontext benutzt wird. Gut gelingt es ihm, Gedanken und Ideen in anschaulichen Bildern zu beschreiben. So nennt er als intelligente Verschwendung, "Gebäude wie Bäume und Städte wie Wälder zu entwickeln und zu bauen." Doch bei der Frage aus dem Publikum, wie das denn funktionieren könne, denn Bäume würden weder Wasser noch Sauerstoff verschwenden, findet er noch keine plausible Antwort. Also doch (noch) eine schöne Vision...

Gerade weil der Abend die gegensätzlichen Positionen der Wissenschaftler deutlich machte, hielt der Spannungsbogen bis zum Schluss. Keiner hatte die richtige Lösung parat. Denn Themen wie Umweltschutz oder ein gesundes, lebenswertes Dasein auch für die nächsten Generationen auf unserem Planeten gehen alle an. Dafür müssen neue, ruhig auch futuristisch anmutende Wege, beschritten werden. Prof. Braungarts sucht für sein Konzept Partner. Er regt deshalb an, ausgehend von diesem Abend eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zu bilden, um vielleicht ein gemeinsames praktisches Cradle to Cradle-Projekt zu entwickeln.

Übrigens: Einer, der schon den Cradle to Cradle-Virus in sich trägt, ist Timo Leukefeld. Seine Firma will in den nächsten zwei Jahren das erfolgreiche Energetikhaus 100 in das erste bezahlbare energieautarke Ganzjahressolarhaus der Welt ohne Stromnetzanschluss weiterentwickeln. Ganz im Sinne von Prof. Braungart sollen neue Baustoffe - von den Ziegeln über den Putz bis zum Farbanstrich - verwendet werden und die Gesundheit der Hausbewohner befördern. In dieser Wohnung der Zukunft sollen dann neuartige Tapeten die Raumluft reinigen und speziell beschichtete Treppenhandläufe die Bewohner mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgen.

Personen auf den Fotos:
Foto oben, v.l.n.r.: Angela Elis, Fernsehmoderatorin, Gene Zinngrebe, Vorstand Prisma Junior Consulting e.V., Studentische Unternehmensberatung, Prof. Michael Braungart, Chemiker und Buchautor, Prof. Georg Härtel, Dekan der Fakultät für Maschinenbau, Verfahrens- und Energietechnik TU Bergakademie Freiberg
Weitere Pressefotos: 1) M. Braungart, 2) A. Elis, 3) G. Zinngrebe, 4) Prof. G. Härtel, 5) Prof. Peter Woditsch, Vorstandssprecher der Sunicon AG Freiberg (Tochter Solar World AG), 6) Fredy Baumeler, Geschäftsführer Gessner AG, Schweiz

Fotos: Christian Waitschies / getmorephoto.com

Ansprechpartner: 
Gene Zinngrebe