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Warum es sich lohnt, Bohrtechnik und Fluidbergbau zu studieren

Wann war eigentlich der letzte Stromausfall? Könnt ihr euch noch dran erinnern? Erst, wenn man mal im Dunkeln in der Wohnung sitzt, der Computer nicht funktioniert, die Heizung kalt wird, man nicht telefonieren kann, der Fernseher keinen Mucks sagt und dann auch noch die Batterien des MP3 Player leer sind, merkt man, wie sehr unser Leben von Energie abhängt.

Die ständige Verfügbarkeit von beispielsweise Strom, Verkehrsmitteln, Wärme, Medien oder Kunststoffen werden von uns allen als Selbstverständlichkeiten angesehen. Gleichzeitig hat jedoch kaum jemand eine Vorstellung davon, wo diese alltäglichen Dinge unseres Lebens her kommen. Wenn wir überhaupt über Energie sprechen, dann meistens deshalb, weil die Energiepreise (z.B. an den Tankstellen) immer weiter steigen oder deshalb, weil Verkehr und Kraftwerke unser Klima zerstören.

Moderne Menschen stehen auf alternative Energien. Wind- oder Wasserkraft sind zum Beispiel umweltfreundlich. Ebenso Solarenergie oder Biogas. Mit der stinkenden Öl- oder Gasindustrie will niemand etwas zu tun haben. Außerdem sind unsere Öl- und Gasreserven sowieso schon fast verbraucht, da lohnt es sich eigentlich gar nicht mehr, einen Beruf in dieser Branche anzufangen.

Nun… leider denken das viel zu viele Menschen.

Nicht, dass wir uns missverstehen: natürlich müssen wir alles tun, um umweltfreundlichere Methoden der Energienutzung zu fördern und zu nutzen. Bis heute ist es aber so, dass ca. 80% unseres Energiebedarfs aus fossilen Brennstoffen, also Kohle, Öl und Gas, gedeckt wird. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Alternative Energien sind auf dem Vormarsch, der Weltenergiebedarf wächst aber noch schneller. Und so geht man davon aus, dass auch im Jahr 2050 noch ca. 60 bis 70% des Energiebedarfs durch fossile Brennstoffe bereitgestellt werden muss.

Das ist allerdings leichter gesagt, als getan. Die Zeiten, zu denen das Öl aufgrund seines eigenen Druckes aus der Erde schoss, sind längst vorbei.

Heute müssen immer aufwendigere Methoden und Technologien eingesetzt werden, um an die begehrten Rohstoffe zu kommen.

In der modernen Bohrtechnik werden Geräte eingesetzt, die Ihresgleichen höchstens in der Weltraumtechnik finden. „Normale“ Bohrlöcher sind 4 bis 6 Kilometer lang, „außergewöhnliche“ Bohrungen haben die doppelte Länge. Auf der Sohle tief in der Erde herrschen extremen Temperaturen und Drücke. Trotzdem muss die hoch komplexe Bohrgarnitur dort einwandfrei funktionieren. Sie soll dort nicht nur möglichst schnell und effektiv bohren, sondern gleichzeitig auch noch die Stellen der Lagerstätte aufspüren, wo die meisten Rohstoffe zu finden sind. Zu diesem Zweck hat die Bohrgarnitur eine Vielzahl an Sensoren mit an Bord. Diese „erschnüffeln“ kilometertief im Boden Öl- oder Gashaltige Gesteinsschichten und suchen dort gezielt nach den Bereichen mit der größten Porosität und Permeabilität, wo die Kohlenwasserstoffe besonders gut gefördert werden können. Moderne Bohrungen verlaufen daher nur selten „gerade“, sondern schlängeln sich wie Adern durch die Lagerstätte.

Die Bohrtürme, die zum Antrieb des Bohrgestänges benötigt werden, haben zum Teil extreme Ausmaße. Manche Bohrinseln würden, wenn sie an Land bebracht würden, den Eiffelturm deutlich überragen, auch hier haben wir es mit extremer High End Technologie zu tun.

Bohren allein ist jedoch nicht genug. Wenn man eine Lagerstätte möglichst effektiv nutzen will, muss man die Fließvorgänge im Reservoir genau verstehen. Öl und Gas findet man nicht in großen, unterirdischen Seen –obwohl es viele Leute noch immer denken. Die begehrten Rohstoffe sitzen vielmehr in den mikroskopisch kleinen Poren des Gesteins. Hier befinden wir uns im Bereich der Geoströmungstechnik und Lagerstättenkunde, einem weiteren Standbein der Ausbildung an unserem Institut. Wie ist die Lagerstätte aufgebaut und wie kann sie modelliert werden? Wie viel Öl oder Gas ist in der Lagerstätte vorhanden und wie viel davon kann gewonnen werden? Wie muss die Förderung organisiert werden, damit eine maximale Ausnutzung gewährleistet ist? Wo müssen die Bohrtürme bzw. Bohrinseln aufgestellt werden, damit das Feld in optimaler Weise genutzt werden kann? Alle diese Fragen sind Bestandteil unseres Studienganges.

Das gesamte Feld des „Fluidbergbaus“, also dem Abbau flüssiger oder gasförmiger Rohstoffe, ist damit noch immer nicht voll abgedeckt. Es fehlt noch der Bereich der Förder- und Speichertechnik. Hier wird zum Beispiel festgelegt, mit welcher Technologie das Bohrloch nach den Bohrarbeiten ausgerüstet („komplettiert“) werden soll, damit es für die gesamte Dauer der Förderung stabil bleibt. Heute gibt es bereits „intelligente Komplettierungen“, die die gezielte Förderung aus bestimmten Abschnitten oder Seitenzweigen einer Bohrung gestatten.

Auch über die Speicherung des Öls oder Gases nach seiner Förderung muss sich der Erdölingenieur Gedanken machen, denn während die Förderung einer Bohrung oder eines Feldes mehr oder weniger konstant ist, gibt es starke Schwankungen bei der Abnahme. So ist beispielsweise der Bedarf an Heizgas im Winter größer als im Sommer. Im Sommer muss das Überangebot ein- und im Winter wieder ausgelagert werden. Zu diesem Zweck werden untertägige Speicher (Porenspeicher oder Kavernen) mit gigantischen Dimensionen angelegt, die oben gezeigte Bohrinsel hätte in einer Kaverne ohne weiteres Platz. Der Bereich der Förder- und Speichertechnik befasst sich mit allen Belangen der Problematik. Wie kann sicher gestellt werden, dass die Kaverne in der gewünschten Form erstellt wird? Welche Förderströme kann der fertige Speicher bewerkstelligen? Ist der Speicher wirklich dicht?

Man merkt es bereits: das Studienfach Bohrtechnik und Fluidbergbau ist äußerst vielseitig. Ebenso vielseitig sind auch die möglichen Einsatzgebiete im späteren Berufsleben. Die Öl- und Gasindustrie sucht händeringend nach Nachwuchswissenschaftlern und Ingenieuren, die dabei helfen, die nötige Energie zum Erhalt unseres Lebensstandards bereitzustellen. Es müssen neue Lagerstätten gefunden und entwickelt werden und neue Technologien und Verfahren erarbeitet werden, mit denen die Förderung existierender und zukünftiger Lagerstätten ausgedehnt und verbessert werden kann.

Bisher sind nur ca. 30% der weltweit bekannten Öl- und Gasvorkommen gefördert worden. Öl- und Gas ist also noch genug vorhanden, es wird nur immer schwieriger, an es heran zu kommen. Daher sind kreative, vielseitige und teamfähige junge Menschen aufgerufen, im sehr international ausgerichteten „Oil and Gas Business“ Verantwortung zu übernehmen und die Initiative zu ergreifen. Die Zukunftsaussichten für Wissenschaftler und Ingenieure in der Öl- und Gasindustrie sind hervorragend, die Einsatzmöglichkeiten extrem vielseitig und die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten überdurchschnittlich.

Falls ihr jetzt noch immer nicht voll davon überzeugt seid, dass es sich lohnt, Bohrtechnik und Fluidbergbau zu studieren, dann bedenkt, dass es auch außerhalb der Öl- und Gasindustrie eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten gibt. Die Bohrtechnik ist überall präsent. Kabel oder Rohre werden durch spezielle Flachbohrverfahren unter Flüssen oder Bauwerken entlang verlegt. Trinkwasser wird aus Brunnen gefördert, die durch spezielle Brunnenbohrverfahren hergestellt werden. Tunnel werden unter Einsatz eindrucksvoller Tunnelbohrmaschinen hergestellt und unterqueren Berge, Flüsse oder Innenstädte. Schächte mit eindrucksvollen Durchmessern werden abgeteuft, Staudämme, Böschungen und spezielle Gebäude werden durch Ankerbohrungen mit dem festen Untergrund „verdübelt“, lockere Böden werden zum Beispiel im Vorfeld von Tunnelbohrungen durch Injektionsbohrungen verfestigt, und in Steinbrüchen und Bergwerken werden Sprengungen durch Bohrungen vorbereitet. Neuerdings denkt man sogar wieder darüber nach, Erkundungsbohrungen auf dem Mond oder dem Mars auszuführen!

Ihr seht schon: ein modernes Leben ohne Bohrtechnik ist eigentlich nicht vorstellbar. Der interessante Studiengang Tiefbohrtechnik, Erdgas- und Erdölgewinnung, wie er bei uns in Freiberg angeboten wird, bereitet euch auf eine Karriere auf diesem Gebiet vor.

Bitte zögert nicht, euch bei weitergehenden Fragen an die Mitarbeiter des Instituts zu wenden. Sie werden euch sicher gern beraten.

Also dann bis bald im Tiefbohrinstitut ;-)