Historie

Übersicht



  Die Anfänge der Mathematik an der Bergakademie

Bild von Charpentier Bereits mit der Gründung der Bergakademie Freiberg am 13. November 1765 wurde eine Professorenstelle mit der Bezeichnung Mathematisches Collegium und Zeichenschule eingerichtet, so dass mit Beginn des Lehrbetriebes Pfingsten 1766 in fünf Fächern auch der Unterricht im Fach Mathematik aufgenommen werden konnte. Der erste Lehrstuhlinhaber war Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier. (Poster)

Der Inhalt der mathematischen Vorlesungen war über viele Jahrzehnte von der Anwendbarkeit der Mathematik für den Bergbau und das Hüttenwesen geprägt. Charpentier und seine Nachfolger lehrten auch die Mechanik, die Physik und die Markscheidekunde, da es noch keine auf bestimmte Lehrfächer spezialisierten Hochschulinstitute im heutigen Sinne gab.

Bild von Busse1771 wird erstmalig zwischen reiner und angewandter Mathematik unterschieden. 1803 führte Friedrich Gottlieb von Busse (Poster) die bis dahin im Lehrangebot noch völlig fehlende Differential- und Integralrechnung in das Vorlesungsprogramm ein.

Mit der Schaffung einer zweiten Mathematikprofessur 1816 erfolgte auch organisatorisch und inhaltlich eine Arbeitsteilung in reine und angewandte Mathematik. Zur angewandten Mathematik zählte man Hydrostatik, Geostatik, Aerostatik, Dynamik, Hydraulik, Aerodynamik, sphärische Trigonometrie, Astronomie und mathematische Geographie, während die reine Mathematik die Elementarmathematik sowie die Höhere Mathematik und deren Anwendung in den technischen Disziplinen beinhaltete.

In den folgenden Jahren wurden in zunehmendem Maße neue mathematische Gebiete in die Lehrveranstaltungen aufgenommen. Dies betrifft z. B. die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Behandlung der Methode der kleinsten Quadrate, die Analytische Geometrie und eine wesentliche Erweiterung des Lehrstoffes zur Analysis.

Bild von Julius Weisbach1834 übernahm Julius Ludwig Weisbach (Poster) die Lehre in der angewandten Mathematik. Weisbach, der auf dem Gebiet der Darstellenden Geometrie gearbeitet hatte und dem man den Ausbau der orthogonalen Axonometrie verdankt, führte 1850 die Darstellende Geometrie in die mathematische Ausbildung an der Bergakademie ein.

 


 

Die Entwicklung der mathematischen Institute

Bild von Papperitz Mit der 1892 erfolgten Berufung von Erwin Papperitz (Poster) auf den Lehrstuhl für Mathematik und Darstellende Geometrie erhielt der Lehrstuhl zugleich den Rang eines mathematischen Institutes. Papperitz kam aus der Leipziger Schule von Felix Klein. Er gehörte zu den namhaften Vertretern der Geometrie in Deutschland und war 1890 Gründungsmitglied der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV). Nach Einführung des Wahlrektorates an der Bergakademie im Jahre 1899 wurde Papperitz der zweite Rektor. Insgesamt übte er dieses Amt in seiner über 36jährigen Tätigkeit an der Hochschule dreimal aus. Durch seine geometrischen Interessen motiviert, betrieb er mit großem Engagement das Anlegen und den Ausbau einer mathematischen Modellsammlung, wobei er viele Modelle selbst konstruiert hat. Während seiner Wirkungszeit wurden Vektorrechnung, Potentialtheorie, Algebra und Vektoranalysis Bestandteile der mathematischen Ausbildung.

Bild von WillersMit Friedrich Adolf Willers (Poster), der 1928 Papperitz' Nachfolger wurde, berief man einen Mathematiker, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger die Zusammenarbeit mit Vertretern der Montanwissenschaften an der Hochschule suchte. Er beschäftigte sich mit Ingenieurproblemen, wie z. B. gedämpften Pendelschwingungen, der Integration der Differentialgleichungen einer Gleitschicht in zäher Flüssigkeit, der graphischen Integration von Randwertaufgaben sowie Problemen der praktischen Analysis.

Bild von Grüß Gerhard Grüß (Poster), der 1935 die Nachfolge von Willers antritt, setzte dessen wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Ingenieuren erfolgreich fort. Nach dem Tode des Professors für Technische Mechanik übernahm Grüß ab 1940 dessen Lehrveranstaltungen, und das mathematische Institut wurde in Institut für Mathematik und Technische Mechanik umbenannt.

Die Bergakademie öffnete am 8. Februar 1946 als erste Hochschule der damaligen sowjetischen Besatzungszone wieder ihre Pforten für die Studenten. 1946/47 war Grüß der zweite Rektor nach der Wiedereröffnung.

Bild von SchmidNach dem plötzlichen Tod von Grüß im Jahre 1950 wurde Wilhelm Schmid (Poster) als Nachfolger berufen. Sein Hauptinteresse galt der Geometrie (Kinematische Geometrie, Darstellende Geometrie, Differentialgeometrie). Daraus resultierte eine spürbare Erhöhung der Anforderungen in der Lehre auf diesen Gebieten.

Nach 1950 entstanden in rascher Folge neue Fachrichtungen, andere, schon bestehende, modernisierten ihre Studienpläne und hatten Wünsche für spezielle Lehrveranstaltungen. Für das neu geschaffene Fernstudium musste überdies ein geeignetes Lehrwerk geschaffen werden. Das wirkte sich zusammen mit den steigenden Studentenzahlen natürlich sowohl inhaltlich als auch organisatorisch auf die Arbeit des Institutes aus.

Nach Abtrennung der Mechanik erhielt das Institut Anfang 1951 den Namen Institut für Mathematik und Darstellende Geometrie. Später führte es eine Zeit lang die Bezeichnung Institut für Mathematik und Geometrie, bis dann 1953 die Umbenennung in Institut für Allgemeine Mathematik erfolgte.

Um den sich stark erhöhenden Ausbildungsanforderungen gerecht zu werden, wurde 1953 unter dem Namen Institut für Angewandte Mathematik ein zweites mathematisches Institut geschaffen. Direktor dieses Institutes wurde Alfred Kneschke, der 1951 auf den Lehrstuhl für Technische Mechanik berufen worden war.

Bild von RühsNach der Emeritierung von Schmid wurde 1958 Fritz Rühs (Poster) als Direktor des Instituts für Allgemeine Mathematik berufen.

Im Jahre 1960 fand die Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik (GAMM) in Freiberg statt, die 590 Teilnehmer aus 14 Ländern vereinte.

Bild von König1968 wurden im Zuge der 3. Hochschulreform in der damaligen DDR die beiden mathematischen Institute zur Sektion Mathematik vereinigt. Erster Direktor war Manfred Schoch, der 1972 von Dieter König (Poster) gefolgt wurde. Die Sektion war in die Wissenschaftsbereiche

  •  Analysis,
  • Stochastik,
  • Optimierung sowie
  • Mathematische Kybernetik und Rechentechnik 

gegliedert.

In den ersten Jahren nach der Sektionsgründung erhöhte sich spürbar die Anzahl der Hochschullehrerstellen und die des übrigen wissenschaftlichen Personals.

Wie begann es?
Wie ging es weiter?


Die Etablierung der Informatik an der Bergakademie

Die Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der Informatik begann in größerem Rahmen erst im Jahre 1970, als der erste Rechenautomat installiert und das Organisations- und Rechenzentrum (ORZ) gegründet wurde. Vorlesungen und Praktika in der Grundlagenausbildung wurden bis zum Jahre 1982 überwiegend vom Leiter des ORZ A. Lang und seinen Mitarbeitern durchgeführt. Die Forschungsaufgaben waren auf die Anwendung der Informatik in den an der Bergakademie vertretenen Wissenschaftsgebieten konzentriert.

Nach einer Übergangsphase, die insbesondere durch strukturelle Veränderungen bedingt war, wurde im Jahre 1985 G. Bergholz auf den Lehrstuhl für Informatik berufen und mit der Leitung des ORZ beauftragt.

Im Rahmen der Fachbereichsgründung wurde im Jahre 1992 ein Teil des ORZ als Institut für Informatik dem Fachbereich Technische Informatik zugeordnet, dem außerdem noch das Institut für Elektrotechnik und das Institut für Automatisierung angehörten. Der andere Teil des ORZ wurde in das Hochschulrechenzentrum umgewandelt.

Der Neuaufbau des Instituts für Informatik erfolgte unter Leitung von Klaus Irmscher, der 1992 auf den Lehrstuhl Betriebssysteme und Kommunikationstechnologie berufen wurde. Die Lehrveranstaltungen zu den Grundlagen und zu Spezialgebieten der Informatik werden seitdem überwiegend vom Institut für Informatik bestritten. Mit der Berufung von inzwischen drei weiteren Professoren wurden die Voraussetzungen für eine breiter angelegte Forschung in Spezialdisziplinen der Informatik geschaffen.


Umstrukturierungen und Höhepunkte ab 1990

1990 wurde die Sektion Mathematik in den Fachbereich Mathenmatik umgewandelt. Im Jahre 1992 wurde der Fachbereich dann in die vier Institute

  • Theoretische Mathematik,
  • Angewandte Mathematik I,
  • Angewandte Mathematik II sowie
  • Stochastik

untergliedert.

Ein Höhepunkt in der Arbeit des Fachbereiches war das Festkolloquium am 30. November 1992 zum 100. Jahrestag der Gründung des Mathematischen Institutes. Am gleichen Tage erfolgte die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den namhaften Dresdner Mathematiker P.H. Müller. Beide Ereignisse fanden eine beachtliche Resonanz unter den Fachkollegen aus ganz Deutschland und den Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Sachsen.

Im Zuge der Neustrukturierung der Bergakademie wurde am 1. Februar 1994 auch die Fakultät für Mathematik und Informatik (Fakultät 1) gebildet, zu der neben den oben genannten vier mathematischen Instituten auch das Institut für Informatik gehört.

Bild von StoyanDer Mathematiker Dietrich Stoyan übte von 1991 bis 1997 das Amt des Rektors der Bergakademie aus.

Eine Anerkennung für das bisher von den Mathematikern dieser Einrichtung Geleistete war die Vergabe der Endrunde der Deutschen Mathematik-Olympiade 1995, eines jährlich bundesweit stattfindenden Schülerwettbewerbs, die vom 7. bis 10. Mai 1995 an der Bergakademie stattfand.

Im Jahr 2003 wurden drei der vier mathematischen Institute umbenannt, und zwar:


Die Entwicklung des Studienangebotes

Bild von KneschkeBild von RühsBis 1962 hatte sich das wissenschaftliche Personal so erhöht und das mathematische Potential derart entwickelt, dass die Voraussetzungen für ein fünfjähriges Diplomstudium im Fach Mathematik gegeben waren. Es ist vor allem dem Geschick und der Zielstrebigkeit von Kneschke (Poster) und Rühs (Poster) zu verdanken, dass im Herbst 1962 die ersten Mathematikstudenten an der Bergakademie immatrikuliert wurden. Damit war die Bergakademie Freiberg nach der TH Dresden die erste Technische Hochschule im Ostteil Deutschlands, an der ein Mathematikstudium möglich war.

Die Ausbildung der Mathematikstudenten erfolgte zunächst in den beiden Fachrichtungen

  • Mathematische Kybernetik und Rechentechnik sowie
  • Mathematische Methoden der Operationsforschung

und ab 1974 mit den neuen Vertiefungsrichtungen

  • Wahrscheinlichkeitstheorie und mathematische Statistik sowie
  • Mathematische Optimierung.

Seit dem Wintersemester 1990 erfolgt die Ausbildung im Studiengang Mathematik mit den Anwendungsfächern

  • Naturwissenschaften,
  • Technische Wissenschaften und
  • Wirtschaftswissenschaften.

Seit Beginn des Wintersemesters 1996/97 wird an der Fakultät für Mathematik und Informatik der Diplom-Studiengang Angewandte Mathematik angeboten, der den bisherigen Studiengang Mathematik ablöste. Gegenüber dem klassischen Studiengang Mathematik handelt es sich hierbei um einen neuen Studiengang mit einer vertieften Informatikausbildung und drei möglichen innermathematischen Vertiefungsrichtungen sowie dazu passenden nichtmathematischen Nebenfächern. Der Studiengang Angewandte Mathematik wird in der Bundesrepublik Deutschland bisher nur an wenigen Universitäten angeboten. Die Vertiefungsrichtungen zu den Nebenfächern Angewandte Naturwissenschaften und Kommunikationstechnologien sind bisher einmalig.

Zum Wintersemester 1999/2000 erfolgte die Einführung des Bachelor-Studiengangs Network-Computing. Dabei handelt es sich um einen mathematischen Studiengang mit vertiefter Ausbildung in praktischer Informatik. Dieses Studienangebot wurde zu Zeiten des Informatikermangels extrem stark nachgefragt und die Studierendenzahlen explodierten Anfang der 2000er Jahre regelrecht. Zum Wintersemester 2005/06 wurde der Bachelor-Studiengang um den darauf aufbauenden Master-Studiengang Network Computing ergänzt und dieses Studienangebot damit insgesamt abgerundet. Für den Bachelor-Studiengang Network-Computing wurden letztmalig zum Wintersemester 2012/13 Studierende immatrikuliert, für den Master-Studiengang Network-Computing letztmalig zum Wintersemester 2014/15. Beide Studiengänge befinden sich damit derzeit in der Auslaufphase.

Der Studienbetrieb im Bachelor-Studiengang Wirtschaftsmathematik wurde zum Wintersemester 2000/01 aufgenommen und zum Wintersemester 2007/08 mit dem darauf aufbauenden Master-Studiengang Wirtschaftsmathematik arondiert. Diese konsekutiven Studiengänge stellen gegenüber dem Diplom-Studiengang Angewandte Mathematik ein konsequent weiter vertieftes Mathematik-Studium mit dem Anwendungsfach Wirtschaftswissenschaften dar.

Zum Wintersemester 2009/10 wird als neuestes Studienangebot der Fakultät für Mathematik und Informatik der Bachelor-Studiengang Angewandte Informatik eingeführt. Dabei handelt es sich um den ersten Informatik-Studiengang an der Bergakademie. Gemäß dem Selbstverständnis der Freiberger Mathematiker und Informatiker liegt auch hier der Schwerpunkt auf angewandten Fragestellungen. Somit hat sich das Studienangebot der Fakultät für Mathematik und Informatik seit Mitte der 1990er Jahre wesentlich erweitert. Es wurde beständig modernisiert und so den aktuellen Anforderungen der Wissenschaft und Wirtschaft angepasst.