Symposium: CO2-arme stoffliche Nutzung der Braunkohle in Deutschland

Expertenforderung: „Technologie-Fadenriss verhindern“. Die Zukunft der Braunkohle liegt neben ihrer Bedeutung als Energieträger auch in ihrer stofflichen Verwertung in der Chemieindustrie und Metallurgie.

Davon zeigten sich am Mittwoch (11. März) Vertreter der Energiewirtschaft und Chemieindustrie, Forscher und Politiker in Freiberg auf einer Tagung zur künftigen Braunkohlenutzung überzeugt. Im Vordergrund standen Potenziale und Herausforderungen an ein verändertes Nutzungsverhalten des heimischen Rohstoffs hinsichtlich einer ressourcen- und umweltschonenderen stofflichen Verwertung. Fazit: Forschung intensivieren, Ausbildung und Lehre im Bereich Kohlechemie stärken, vorhandene (Energie-)Infrastruktur besser nutzen, Synergieeffekte ausloten.

Braunkohle ist mengenmäßig der wichtigste deutsche Bodenschatz und wird nahezu ausschließlich zur Stromerzeugung genutzt. Im Zuge der Energiewende gewinnen jedoch erneuerbare Energieträger gegenüber fossilen zunehmend an Bedeutung. Mit der schrittweisen Ablösung der Kohle ergeben sich schadstoffärmere und höherwertigere Nutzungsperspektiven als durch bloße Verbrennung. Erster Adressat ist die Chemieindustrie, mit 193,6 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2014 die drittgrößte deutsche Industriebranche. Der wertvolle Kohlenstoffträger kann – umgewandelt in Synthesegas – als einheimischer Rohstoff nutzbringend für Basischemikalien und Kunststoffe eingesetzt werden und damit Erdölimporte teilweise ersetzen.

„Wenn wir es in den nächsten fünf Jahren nicht schaffen, eine kohlebasierte Synthesegaserzeugung an einem Kraftwerks- oder Chemiestandort zu demonstrieren, sehe ich die Gefahr des Fadenrisses für eine der weltweit am stärksten gefragten deutschen Technologien“, zeigt sich Prof. Bernd Meyer, Rektor der veranstaltenden TU Bergakademie Freiberg, überzeugt. Bisher sei fast ausschließlich in Kategorien von Großprojekten gedacht worden, die mangels Finanzierung aber nicht umgesetzt wurden.

Doch die Kosten ließen sich überschaubar halten, denn die Ausgangslage für eine stoffliche Verwertung ist gut: Braunkohle ist ein lokal ausreichend vorhandener und – mit Milliarden Tonnen zum Abbau genehmigter Vorräte – kostenstabiler Rohstoff; Industrieinfrastruktur zur Förderung und Aufbereitung des Rohstoffs in Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, hier liegen die großen Reviere, ist vorhanden. „Es wäre nur sinnvoll, neben der energetischen auch die stoffliche Braunkohleverwertung durch FuE-Aktivitäten etwa zu verbesserten Kohlenstoffspeichertechnologien stärker in den Fokus zu rücken“, sagt SPD-Bundestagsabgeordnete Simone Raatz am Rande der Veranstaltung. Auf diese Weise ließe sich laut Dipl.-Chemikerin Raatz auch eine größere Unabhängigkeit von Erdölimporten erreichen.

Prof. Meyer betont die Notwendigkeit einer langfristigen Institutionalisierung der Forschung, da bisher auf dem Feld der fossilen Rohstoffe in Deutschland nahezu nichts getan werde. Auch Ausbildung und Lehre im Bereich Kohlechemie müssten weiter gestärkt werden, um den heimischen Chemierohstoff besser zu verstehen und die Technologie nicht nur zu konservieren, sondern weiterzuentwickeln. Künftig sollten Synergien, vor allem zwischen den Bundesländern mit den großen Revieren, weiter ausgebaut werden. Meyer ist sicher: „Die Aufgaben in punkto Technologieentwicklung, Forschungs- und Ausbildungsbedarf sind groß, das Innovations- und Industriepotenzial für den Technologie- und Wirtschaftsstandort Deutschland ist jedoch größer.“

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